Magazin-Artikel
27.10.2017 | Autor/in: Markus Lembeck

Das Millionendorf: Münchner Kanzleien als Arbeitgeber für Juristen

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Mit den zahlreichen Neueröffnungen stieg über die Jahre auch die Zahl der Anwälte an der Isar, sodass dort inzwischen mehr Juristen beschäftigt sind als in Frankfurt. Und doch wird die Stadt noch immer ihrem Ruf als größtes Dorf Deutschlands gerecht. „Letztlich kennen sich die Münchner ­Anwälte alle seit Jahren“, sagt Pinsent-Partner von Baum. „Da ist es unerheblich, in welcher Kanzlei jemand arbeitet.“ Er selbst ging damals von der US-Kanzlei WilmerHale zur MLaw Group und eröffnete vor fünf Jahren für die ­britische Kanzlei Pinsent Masons den ersten deutschen Standort. Der Grund: die Nähe zu Technologie- und Telekommunikationsunternehmen, zur Automobilindustrie und zu Life Science.

Für Pinsent Masons war es die richtige Entscheidung. Innerhalb von fünf Jahren wuchs die Kanzlei auf 60 Berufsträger. Ausgehend von der dritten Etage an der Ottostraße 21 mietete von Baum inzwischen die erste und zweite Etage im Gebäude hinzu. Weitere 40 Anwälte sollen – so die Pläne für die Zukunft – noch folgen.

Expansion durch Quereinsteiger

Die Expansionspläne sind nicht zuletzt durch eine Reihe erfahrener Quereinsteiger aufgegangen. Im klassischen M&A-Markt fällt es den Münchnern allerdings häufig schwerer, namhafte Anwälte für sich zu gewinnen, denn Dreh- und Angelpunkt für die großen Transaktionen bleibt nach wie vor eher Frankfurt mit seiner Nähe zur Finanzindustrie. Reed Smith-Partner Philipp Süss, der früher bei der Magic Circle-Kanzlei Clifford Chance war, sagt: „Die Münchner Büros arbeiten oft eng mit den Frankfurtern zusammen. Wenn es dann einen größeren Deal gibt, wird der häufiger von Frankfurt aus gesteuert.“

Doch bei allem Zuzug der US- und der ­britischen Kanzleien bleibt noch immer Platz für neue, kleinere Einheiten. Erfolgreiche Ausgründungen, wie sie zunächst vor allem in Hamburg und Frankfurt von sich reden machten, waren in der Bayernmetropole lange verhältnismäßig ­selten. Seit einigen Jahren allerdings etablieren sich auch in München immer mehr Spin-offs, in denen ehemalige Großkanzleianwälte ihr Glück auf eigene Faust versuchen.

Neugründungen: Auf eigene Faust

Dazu gehören beispielsweise seit 2012 die ehemaligen Associates von Milbank Tweed Hadley & McCloy und Dissmann Orth, die sich ­unter dem Namen GLNS selbstständig machten und in diesem Sommer zudem in London eröffneten. Die Gründer der Corporate-Boutique Gütt Olk Feldhaus (▷Der Durchbrecher, S. 26) lernten sich bei Freshfields Bruckhaus Deringer kennen, Lupp + Partner kam 2015 von DLA ­Piper und Ego Humrich Wyen von Hengeler Mueller.

Weidehaas_Björn

Entspannte Lebensart: Björn Weidehaas, Partner bei Lutz Abel, hat sich bewusst für die bayerische Hauptstadt entschieden – nicht zuletzt, weil ihn die Alpen am Wochenende locken.

Diese Anfänge hat die Kanzlei Lutz Abel lange hinter sich gelassen. Namenspartner Dr. Reinhard Lutz eröffnete seine Kanzlei bereits 1994, mittlerweile arbeiten rund 50 Anwälte unter seiner Flagge. Gestartet als traditionelle Mittelstandskanzlei, hat sich Lutz Abel neben der Arbeit für klassische mittelständische Mandanten mittlerweile zu einer Einheit entwickelt, die mit einer Reihe von Spezialisierungen überzeugt. Dazu zählen unter anderem Bau-, Immobilien-, Bank- und Kapitalmarktrecht genauso wie Venture Capital.

Die Alpen locken

Einer, der dieses Wachstum der vergangenen ­Jahre miterlebt hat, ist Björn Weidehaas (39). Er und sein Kollege Dr. Christian Dittert lernten Reinhard Lutz bei ihrem Zweiten Staatsexamen kennen. Er war ihr Prüfer. „Das Kanzleikonzept hat mich damals überzeugt“, erzählt Weidehaas. „Es war für Lutz Abel immer klar, dass wir auf hohem Niveau beraten, aber uns gleichzeitig wohlfühlen wollen.“

Dazu gehört auch, dass es hier nicht zum guten Ton gehört, am Wochenende ständig zu arbeiten. Denn dazu bietet das viel gelobte Umland mit den Alpen vor der Haustür viel zu viele Freizeitverlockungen. „Die Lebensart hier ist eben entspannter“, bringt es Weidehaas auf den Punkt. Ein Argument, dass man so von Frankfurtern, Hanseaten und selbst von Rheinländern kaum hören würde. <<<

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