Magazin-Artikel
27.10.2017 | Autor/in: Markus Lembeck

Das Millionendorf: Münchner Kanzleien als Arbeitgeber für Juristen

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Der Münchner Kanzleimarkt tickt anders als in ­Hamburg, Berlin oder im Rheinland. Aber warum? Die Alpen vor der Haustür sind zwar ein guter Grund, erklären aber nicht alles. Ein Blick auf die Bayernmetropole.

Von Eva Flick

Als die Anwälte der Loden-Fraktion noch die Geschicke in München lenkten, war die Welt ­eine andere. Überschaubar, mit klar verteilten Rollen. Man kannte sich, wählte selbstverständlich CSU und zückte im Falle eines Falles schnell das kleine, in Leder gebundene Notizbuch mit den Telefonnummern der wichtigen Unternehmenslenker aus der Brusttasche. Dr. Florian von Baum (49) ist diese Zeit, so um die Jahrtausendwende war das, noch gut in Erinnerung. „München war ein Closed Shop“, erzählt der gebürtige Münchner und Standortleiter von Pinsent Masons. „In Hamburg brauchte man den richtigen Schnack, bei uns den Lodenmantel.“

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Expansionspläne gehen auf: Florian von Baum, Standortleiter von Pinsent Masons in München, mietete inzwischen zwei zusätzliche Etagen an der Ottostraße hinzu.

Sich den aber einfach bei Lodenfrey zu kaufen, reichte mitnichten. ‚Mia san mia‘ gilt auch heute noch nicht nur für den FC Bayern. Von einem Closed Shop kann mittlerweile aber nicht mehr die Rede sein. Gleichwohl tickt der Münchner Anwalts- und Kanzleimarkt noch immer anders als in Frankfurt, Hamburg oder im Rheinland. Aber was genau ist hier anders, und warum?

Hier tummeln sich Großkonzerne

Zunächst einmal das Umfeld: Kanzleien eröffnen gerne in der Nähe ihrer Mandanten. Anders als im Rest Europas tummeln sich die meisten deutschen Großkonzerne nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in München: Allianz, BMW, Linde, Munich Re und Siemens, im angrenzenden Neubiberg sitzt Infineon Techno­logies, in Unterföhring ProSiebenSat.1 Media (▷„Wir sind immer nah dran am operativen Geschäft“, S. 40). Hinzu kommen eine Reihe von Hidden Champions im Umland – ­also Unternehmen, die in ihrer Nische nicht selten Weltmarktführer, außerhalb ihrer Branche aber weitgehend unbekannt sind.

 Außerdem haben in München zahlreiche Private-Equity-Fonds ihren Sitz (▷Großwildjäger, S. 16). Auch für Start-ups und Venture-Capital-Investoren ist die Bayernmetropole ein Magnet. Hinzu kommen zahlreiche Family Offices, die große Privatvermögen verwalten und investieren. Schon lange haben die wichtigsten Patentbehörden Deutschlands und Europas hier ihren Sitz, und wenn der Unified Patent Court (UPC) kommt, also das einheitliche europäische Patentgericht, sollen hier künftig eine Lokalkammer sowie Teile des Zentralgerichts angesiedelt sein.

Rundum-sorglos-Paket

Während die meisten Kanzleien in Frankfurt um die Jahrtausendwende schon stark auf institutionelle Mandanten aus der Finanzbranche ausgerichtet waren, spielten in vielen Münchner Großunternehmen die Gründer und Eigentümer lange eine zentrale Rolle – starke Persönlichkeiten, die von ihren Anwälten nicht nur Rechtsrat erwarteten, sondern oft ein persönliches Vertrauensverhältnis zu ihnen aufgebaut hatten. Die Stammberater von Wirtschaftsgrößen wie Medien­zar Leo Kirch oder der BMW-Großaktionärsfamilie Quandt zählten oft selbst zur Münchner Prominenz. Dazu gehörten auch die Namenspartner der Sozietät Bub Gauweiler & Partner oder Kanzleigründer Prof. Dr. Reinhard Pöllath (Once in a Lifetime: Andrea von Drygalski im Porträt). Viele alteingesessene Kanzleien boten ihrer Klientel Rundumbetreuung in allen Rechtsfragen – vom Strafzettel bis zur Nachfolgeregelung, von arbeitsrechtlichen Standardthemen bis hin zur Aufarbeitung von Steuerskandalen.

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