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26.09.2017

Kommentar: Mehr Pessimismus, bitte!

Niemand hätte mit dem Ergebnis des Brexit-Referendums gerechnet. Niemand weiß, wie der europäische Rechtsmarkt im April 2019 aussehen wird. Und trotz all dieser Fragezeichen bleiben die Kanzleien optimistisch. Warum eigentlich?

Zwar stehen sie nicht allein. Ein beträchtlicher Anteil der politischen Entscheidungsträger in Großbritannien ist der Meinung, dass die Rückkehr zum Status quo in Europa von vor 1973 dem Land nicht schaden wird. Selbst das Ergebnis der Parlamentswahlen im Juni schürte den Optimismus. Hierzulande wurde das Ergebnis als Ablehnung eines harten Brexits gedeutet. Aber beide großen britischen Parteien beschreiten gemäß ihrer offiziellen Strategie immer noch einen Weg in Richtung Abschied von Binnenmarkt und Zollunion.

Doch der heitere Blick auf die Zukunft ist kaum durch Fakten gestützt. Das einzige, was in den kommenden 18 Monaten sicher ist, ist, dass sie höchst unberechenbar sein werden. Ein harter Brexit ist immer noch möglich, was wiederum verheerende Folgen für den Rechtsmarkt hätte. Wirtschaftskanzleien müssen sich auf das Schlimmste vorbereiten, sprich: Sie müssen so pessimistisch wie möglich an den Brexit herangehen und entsprechende Worst-Case-Szenarien planen. Mittelgroße Kanzleien, die Verweisbeziehungen zu britischen Sozietäten unterhalten, müssen ausloten, woher die Mandate stattdessen kommen sollen, wenn Großbritannien kein Tor zur EU mehr ist.

Und deutsche Anwälte in internationalen Sozietäten sollten sich schon einmal einen Notfallplan erstellen, der ihre Rolle definiert, wenn Londoner Anwälte im Markt eingeschränkt sind – und sei dies nur vorübergehend. Das wirft hochpolitische und unangenehme Fragen zu Managementpositionen und dem Kräfteverhältnis zwischen den verschiedenen Büros auf. Gerade die starken deutschen Büros müssen nach einem harten Brexit zum Stabilitätsanker der Rechtswelt werden. Es ist an der Zeit sich ernsthaft Gedanken zu machen, wie man diese Rolle ausfüllen will. (Aled Griffiths)