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26.09.2017

Examensnoten: Umzugskartons packen!

Ein Forschungsprojekt der Universität Bremen liefert erstmals die Bestätigung für ein lange kursierendes Gerücht: Bei den Ergebnissen der Zweiten Staatsprüfung gibt es statistisch messbare Unterschiede je nach Bundesland. Untersucht wurden die Daten von Nachwuchsjuristen, die nach der Ersten Prüfung von einem Bundesland in ein anderes wechselten und die Zweite Prüfung an der neuen Adresse absolvierten. Unterstellt wurde dabei, dass ihre Punktzahl im Zweiten Examen vom Ersten Examen nicht groß abgewichen wäre, wenn die betreffenden Personen nicht umgezogen wären.

Ein Wechsel von Nordrhein-Westfalen nach Bremen brachte laut Studie den Examenskandidaten eine Verbesserung um 1,6 Punkte – und ist für die große Zahl der „nur“ befriedigend bewerteten Absolventen durchaus eine Überlegung wert. Zwar vermitteln auch die Statistiken der Forscher um Professor Lorenz Kähler nicht den Freifahrtschein ins Prädikat – nach dem Motto: Geh doch nach Bremen, da bekommst du dein Vollbefriedigend. Kähler selbst hält die Bewertungspraxis für vergleichsweise homogen.

Subjektiv überrascht

Doch in einer Branche, in der der Wert des eigenen Studiums ausschließlich in Punkten gemessen wird, sorgen die belegten Abweichungen für Stirnrunzeln. Nach wie vor ist „vb“ das Entree für eine höherwertige juristische Karriere. Es erscheint bemerkenswert, wie sehr die deutsche Juristen-Community von den Abweichungen überrascht ist – oder überrascht tut. Subjektive Notenvergabe begleitet alle Schüler und Studierende ihr ganzes Ausbildungsleben lang.

Für die Erste juristische Prüfung melden die Bundesländer immer schon extrem unterschiedliche Quoten für vollbefriedigend oder besser: Das kleine Mecklenburg-Vorpommern bescherte zuletzt nur knapp 25 Prozent seiner Jurastudenten ein Prädikat, in Thüringen ­waren es mehr als 37 Prozent, Hamburg kam inklusive der intensiv betreuten Absolventen der privaten Bucerius Law School auf 43 Prozent. In der Zweiten Prüfung kommen nach den Zahlen von 2015 bundesweit gut 18 Prozent der Referendare auf ein Prädikat – in Bayern nur 13 Prozent, in Hessen nur knapp 15 Prozent, in Thüringen dagegen mehr als 22 Prozent.

Alle prüfen unterschiedlich

Bei allen Anstrengungen der Prüfungsämter und der engagierten unter den Prüfern: Kann man wirklich erwarten, dass die Ergebnisse näher beieinander liegen? Zumal die Gewichtung von Klausuren, münd­lichen Prüfungen und zum Teil Hausarbeiten von Land zu Land durchaus unterschiedlich festgelegt ist. Dies kann erhebliche Auswirkungen haben, wie ein Vergleich zwischen den beiden größten Jura-Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen zeigt: Der bayerische Absolvent legt mit dem Ergebnis seiner sechs Klausuren im Ersten Examen (Pflichtfachprüfung) 75 Prozent seiner Note fest, in NRW machen die schriftlichen Arbeiten nur 60 Prozent aus.

Vor allem im Bereich der universitären Schwerpunktprüfung, die 2003 eingeführt wurde, gab es sehr schnell nach dieser Reform negative Rückmeldungen zur Benotung: zu positiv, zu individuell, zu kuschelig. In der Statistik des Bundesamtes für Justiz ist belegt, dass nur 4 Prozent der Kandidaten den universitären Teil ganz verhauen. Deshalb ist eine Abschwächung des ­Notenwerts der Schwerpunktprüfung Bestandteil der Diskussion zur nächsten Reformrunde. Anstatt 30 Prozent soll die Benotung aus der Universität nur noch 20 Prozent ausmachen. Doch das ist eher ein Scheingefecht, denn akribische ­Personalexperten haben von Anfang an die nicht-universitäre Prüfungsleistung separat, sprich: höher bewertet. (Markus Lembeck)