Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Mathieu Klos

Patentrecht als Spezialisierung: Ich mach mein eigenes Ding

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Zivilrecht vom Feinsten, spannende Fälle und bald auch noch ein Patengericht für die gesamte Europäische Union: Es gibt vieles, was dafür spricht, als Prozessspezialist im Patentrecht einzusteigen. Wer hier einmal Fuß gefasst hat, infiziert sich leicht mit dem Kanzleigründer-Virus. Immer häufiger gehen in letzter Zeit junge Patentrechtler mit ihren eigenen Spezialkanzleien an den Start.

von Mathieu Klos

Motörhead ist eine seiner Lieblingsbands. Die Musik – irgendwo zwischen Punk und Heavy Metal – passt nicht so ganz zu einem, der den biblischen Vornamen Hosea trägt und als Wirtschaftsanwalt in München arbeitet. Zum Äußeren von Hosea Haag passt Motörhead aber sehr wohl. Sein langes, lockiges Haar trägt er streng nach hinten gekämmt, aber zu den Spitzen hin sind die Locken kaum zu bändigen. Sein Bart – durchaus gepflegt – ist eine Kombination aus opulentem Backenbart und Henriquatre. Der 47-Jährige ist nicht gerade der Durchschnittstyp eines Wirtschaftsanwalts. Das zu sein, gibt er sich auch keine Mühe.

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Hosea Haag, Gründungspartner der IP-Boutique Ampersand

Haag hat vor fünf Jahren zusammen mit drei befreundeten Anwälten seine eigene Kanzlei gegründet und mit dem ungewöhnlichen Namen Ampersand versehen, dem englischen Ausdruck für das Kaufmanns-Und. Heute ist Ampersand vor allem in der Patentszene ein durchaus klangvoller Name. Haag führt für Patentverwerter wie Unwired Planet oder Munitech große Prozesse gegen das Who’s who der internationalen Mobilfunkbranche. Er ist aber auch für deutsche Mittelständler unterwegs.

Wenn man mit ihm über Musik spricht, merkt man schnell, dass er mehr als nur Hardrock kennt. Jazz und Klassik zum Beispiel, aber auch Rap und Punkrock. Er nennt Bands und Interpreten wie John Zorn oder Kate Tempest, von denen hat Otto Normal-Zuhörer noch nie etwas gehört. Er selbst möchte sich nicht als Musikexperte bezeichnen. Er kenne sich ganz gut aus, beschäftige sich aber nicht zu sehr mit den Genres. Überhaupt sei er ein Mensch, der sich für vieles interessiere, aber niemals zu tief in die Materie eindringe.

Gedanklich weiterziehen

Gerade das sei eine seiner wichtigsten Fähigkeiten, um als Patentrechtler erfolgreich zu sein, so Haag. „In diesem Job kommt es darauf an, sich in vielen technischen Gebieten auszukennen. Immer nur so tief, dass man es gut versteht, aber gedanklich weiterziehen kann, wenn ein neuer Fall mit anderem technischen Hintergrund reinkommt.“ Seine Fälle bilden diese technische Bandbreite durchaus ab. Er streitet für seine Mandanten um Kontaktlinsen, Autozubehör oder eben Mobilfunk.

Die Zunahme von Mobilfunkklagen vor den deutschen Patentgerichten Düsseldorf, Mannheim und München beschert vielen jüngeren, aufstrebenden Anwälten seit einigen Jahren gute Geschäfte. Deutsche Gerichte gelten als sehr gut, kostengünstig und schnell, und immer sind in diesen Verfahren gleich mehrere Parteien zugegen: zwei, drei oder vier Mobilfunkunternehmen und nicht selten auch eine Heerschar von Zulieferern als Streithelfer. Sie alle brauchen Prozessvertreter. Die etablierten Patentkanzleien vertreten die Industriemandanten, aufstrebende Kanzleien wie Ampersand sind häufig auf Verwerterseite zu sehen. Patentverwerter sind Unternehmen, die zwar Schutzrechte besitzen, mit entsprechenden Technologien aber keine eigenen Produkte produzieren, sondern ihre Rechte über Lizenzen zu Geld machen.

Gute Perspektiven für junge Patentrechtler

Das Prozessaufkommen könnte sich künftig weiter verstärken, denn voraussichtlich Ende des Jahres soll das neue einheitliche Patentgericht für 25 Staaten der Europäischen Union seine Arbeit aufnehmen. Es urteilt dann Patentprozesse zentral für die EU und damit praktisch für ganz Europa. Die Verfahren werden aufwendiger und komplexer. Die Unternehmen werden mehr Kanzleien und größere Anwaltsteams mandatieren. Die Perspektiven für junge Patentrechtler mit einer Berufserfahrung zwischen drei und sieben Jahren sind daher besonders vielversprechend.

Vielleicht auch als ein Vorzeichen der Entwicklung ergreifen erfahrene Anwälte aus Großkanzleien wie Hosea Haag die Chance, ihre eigene Kanzlei zu eröffnen. Den Anfang machten 2010 der Freshfields-Spin-off Arnold Ruess in Düsseldorf. Jüngstes Beispiel ist Taliens, die sich erst vor zwei Monaten von der internationalen Kanzlei Olswang abspaltete. Den drei Kanzleigründungen ist nicht nur gemeinsam, dass sie erfolgreich in Mobilfunkklagen unterwegs sind. Sie alle waren auf unterschiedliche Art und Weise mit den Zuständen in Großkanzleien unzufrieden und hatten das Gefühl, es unter eigenem Namen besser machen zu können.

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