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01.06.2017 | Autor/in: Eva Lienemann

Interview: „Rechtsabteilungen treiben Legal Tech voran“

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Die digitale Zukunft ist da, auch wenn sie sich in der Rechtsberatung noch zurückhaltend gibt. Die Bucerius Law School hat bereits einen eigenen Legal-Tech-Beauftragten: Dirk Hartung kümmert sich darum, dass Studierende lernen, was sie künftig brauchen. Grundkenntnisse im Programmieren können nicht schaden, sagt er.

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Dirk Hartung (27) ist seit Januar Executive Director Legal Technology an der Bucerius Law School in Hamburg. Er ist Gründungsmitglied der European Legal Tech Association (ELTA). In seiner Funktion baut er nun das technische Curriculum der Hochschule auf. Seit 2015 bietet die private Universität Legal Technology Lectures an, im Februar startet in Zusammenarbeit mit IBM und Informatikern der Uni Hamburg ein Kurs, bei dem Studierende die künstiche Intelligenz Watson weiterentwickeln sollen.

azur: Herr Hartung, wo stehen wir gerade in Sachen Legal Tech? Von einer Weltherrschaft der Roboter bis zu ,Es bleibt, wie es ist‘ scheint alles drin zu sein…
Dirk Hartung:
Früher hat sich niemand mit Legal Tech beschäftigt, heute reden alle darüber. Die Befürchtung ist nun schon, dass wir so etwas wie einen ‚AI-Winter‘ erleben. Das bedeutet: Wenn man die Erwartungen nur hoch genug schraubt und die dann nicht sofort erfüllt werden, kann man sagen: ,Das war dann wohl alles nichts‘. So ging es der Forschung zu künstlicher Intelligenz in den 1980er-Jahren. Und es bleibt natürlich wirklich das Risiko, dass nichts passiert. Aber die zunehmende Komplexität der Welt, die gigantischen Datenmengen, die wir produzieren und die enormen analytischen Kapazitäten von Computern betreffen ja auch den Kern der juristischen Arbeit – da ist es einfach sehr unwahrscheinlich, dass die digitale Entwicklung an unserer Branche vorüberzieht.

Also glauben Sie, dass Computer Juristen ersetzen werden?
Ich glaube, dass sich der Juristenberuf verändert. Das wäre aus meiner Sicht auch ein gutes Szenario. Natürlich wird es weiterhin viele juristisch komplizierte Fälle geben, für die Sie richtig gute Juristen brauchen. Aber schauen Sie sich doch mal an, wie viele Anwälte mit solcher Arbeit überhaupt befasst sind und wie sich bei Due Diligences schon IT-Lösungen etablieren.

Was würde passieren, wenn sich Juristen nicht verändern?
Wenn Juristen weiterhin nur das machen, was sie jetzt schon tun, dann bekommen wir Probleme, wenn sich die tatsächlichen Gegebenheiten durch Technologie verändern. Beispielsweise wird es bei autonomen Fahrzeugen, die immer die Geschwindigkeit einhalten und deutlich weniger Unfälle bauen, viel weniger Bedarf für verkehrsrechtliche Beratung geben. Oder Streitbeilegung im Internet, etwa bei Kaufverträgen oder Urlaubsreisen: Das sind Millionen von Fälle, deren Bearbeitung durch Anwälte sich im Moment oft nicht lohnt. Aber das Wissen, das darin steckt, lohnt sich. Und wenn die schon existierenden Streitbeilegungsplattformen qualitativ noch besser werden und damit größere Fälle an sich ziehen, betrifft das die wirtschaftliche Existenz von Rechtsanwälten. Oder Vertragsmanagement: ein Routinejob, der große Kapazitäten in den Rechtsabteilungen frisst und für den es längst gute Software gibt.

Wenn man sich im Arbeitsalltag von Juristen umschaut, sieht es dort aber meist noch verdächtig analog aus. Viele Rechtsabteilungen interessieren sich auch überhaupt nicht für Legal Tech, weder bei sich noch bei den Kanzleien.
Ich kenne aber auch Rechtsabteilungen, die viel ausprobieren, und würde sagen, dass dort das Potenzial für den Einsatz digitaler Tools am größten ist. Ich denke daher auch, diese Rechtsabteilungen treiben die Legal-Tech-Entwicklung. Warum? Sie haben Zugang zum Kapitalmarkt und damit auch Geld für große Investitionen, die bei Technologie häufig notwendig sind. Außerdem haben sie mittel- bis langfristige Planungsziele. Wenn sich eine Innovation mittelfristig lohnt, dann bekommen sie das in der Regel durch. Hinzu kommt, dass die Innovation im Unternehmen gar nicht zwingend aus der Rechtsabteilung kommen muss. Es kann zunächst einer anderen Abteilung auffallen, dass Vorgänge vereinfacht werden können und deren Modell macht dann Schule. Aber ein großes Unternehmen ist eben auch nicht immer schnell.

Fortsetzung

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