Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Eva Lienemann

Die Konziliante: Generalanwältin Juliane Kokott im Porträt

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Juliane Kokott hat auf EU-Ebene alles erreicht, was als Juristin möglich ist: Als Generalanwältin hat sie vielen Entscheidungen des EuGH ihren Stempel aufgedrückt. Die hohe Wertschätzung für ihre Arbeit zeigt sich auch in ihrer ungewöhnlich langen Amtszeit: Wenn diese 2021 endet, hat Kokott dieses Amt 18 Jahre inne – länger als die meisten vor ihr.

von Eva Lienemann

Die ‚Emma‘ hat sie portraitiert, die ‚FAZ‘ war da, der ‚Spiegel‘ auch. Auch in Mütter-Internetforen, in denen es normalerweise ganz selten um Generalanwältinnen geht, ist Prof. Dr. Dr. Juliane Kokott Thema. Zum einen steht die Generalanwältin am Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) in der Öffentlichkeit, weil sie mit ihren Schlussanträgen den Weg für Grundsatzentscheidungen des höchsten europäischen Gerichts bereitet hat: geschlechtsneutrale Versicherungstarife, Kopftuchverbot in Unternehmen oder schärfere Regeln für Tabakproduzenten bei Zigarettenpackungen – alles Entscheidungen der jüngeren Zeit, bei denen die Luxemburger Richter ihren Anträgen folgten. In rund 80 Prozent der Fälle ist das so. Was die ‚Emma‘ und die Mütter neben ihrer außergewöhnlichen Karriere aber aufhorchen lässt, ist, dass Kokott kurz nach ihrer Ernennung zur Generalanwältin ihr sechstes Kind zur Welt gebracht hat.

Die Aufregung von Journalisten über diese Superlativ-Biographie passt so gar nicht zu Kokott selbst. Sie spricht so ruhig und konzentriert über sich selbst, dass ihr Lebenslauf schon fast ein bisschen normaler wird. Kokotts Büro in Luxemburg liegt in dem „Anneau“ genannten Gebäude, dem Herzstück der Gerichtsbarkeit, der das alte Palais umschließt und die Kabinette der Richter und Generalanwälte beherbergt.

„Arbeit ist unglaublich intensiv“

Drinnen ist es sehr warm. Helle Möbel, eine deckenhohe Bücherwand, zwei große Monitore auf dem Schreibtisch, ein bunter Teppich, Bilder von Blumenwiesen. Kokott, sehr schmal, sitzt an einem Glastisch und trinkt grünen Tee. So still, wie es hier drinnen ist, lässt sich kaum das sehr besondere, das auch für Kokott die Atmosphäre am EuGH ausmacht, begreifen: „Die Arbeit hier ist unglaublich intensiv, es ist immer etwas los, weil so viel Austausch stattfindet“, erzählt sie mit leiser Stimme.

Kokott_Juliane

Juliane Kokott (59) wurde im Oktober 2003 auf Vorschlag der Bundesregierung zur Generalanwältin am Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) berufen. Als eine von elf Generalanwälten erstellt sie mit ihren Schlussanträgen eine Art Wegweiser für die Urteile der EuGH-Richter. In der überwiegenden Zahl der Fälle folgen die Richter den Gutachten. Einer der jüngsten Anträge Kokotts war die Frage der Zulässigkeit eines Kopftuchverbots in Unternehmen. Kokott hielt ein Verbot für rechtmäßig, die EuGH-Richter folgten ihrer Einschätzung.

Rund 2.200 Menschen arbeiten hier und kommunizieren in den 24 Amtssprachen des Gerichts – Kokott spricht fünf davon. Seit 13 Jahren ist dies ihr Arbeitsplatz. 2021, wenn ihre dritte Amtszeit endet, wird sie den höchsten Posten, den die EU an Juristen zu vergeben hat, 18 Jahre lang innegehabt haben. Das schafften nur ganz wenige vor ihr. Kokotts direkter deutscher Vorgänger, der baden-württembergische CDU-Politiker Siegbert Alber, brachte es immerhin auf zehn Jahre, viele bleiben nur eine Amtszeit. Dass die Bundesregierung sie bereits zweimal wiederernannte – ein Zeichen großer Wertschätzung für ihre Arbeit.

Frühe Berufung.

„Dr. jur.“, das habe sie schon mit sieben Jahren auf ihr Notizbuch geschrieben, erzählt Kokott und lacht. Das klingt niedlich, wenn man nicht wüsste, dass es tatsächlich so gekommen ist und sie sogar noch weit mehr erreicht hat. Die Episode geschah Anfang der 1960er-Jahre im saarländischen St. Ingbert. Ihr Vater ist Bürgermeister des Ortes, die Mutter Hausfrau. Kokott hat einen jüngeren Bruder. Dass Juliane Juristin werden soll wie der Vater und Großvater, das steht für die Mutter fest. Kokott ist Klassenbeste, die Schule fällt ihr leicht. Der Vater verwickelt sie ständig in Diskussionen, vor allem über Politik. „Das alles hat mich sehr selbstbewusst gemacht“, erinnert sich Kokott. Durch Leistung ist alles möglich – das vermitteln ihr die Eltern.

Fortsetzung

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