Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Eva Flick

Der Feuerwehrmann: Andreas Pohlmann im Porträt

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Andreas Pohlmann ist Compliance-Spezialist der ersten Stunde. Dass Siemens nach dem großen Korruptionsfall zum Vorzeigeunternehmen mutierte, verdankt der Konzern nicht zuletzt ihm. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt und steuert die Kanzlei Pohlmann & Company.

von Eva Flick

Dr. Andreas Pohlmann ist groß, aber kein Mann großer Worte. Wie der Zweimetermann tickt, zeigt sich schon bei der Terminabsprache zum Interview. Pohlmann geht sofort ans Telefon, offenbar mitten im Termin. „Wen darf ich zurückrufen?“, fragt er knapp, seinen Namen zu nennen, spart er sich. Eine halbe Stunde später ruft er wie versprochen zurück. „Ein Porträt von mir? Warum das? Wir sind doch ein Team.“ Sein Team ist die Kanzlei Pohlmann & Company, mit Büros in Frankfurt, München und Montreal. Sie hat sich mit mittlerweile 16 Beratern ganz dem Thema Compliance verschrieben.

Pohlmann_AndreasEitelkeit kennt der 59-Jährige mit dem Bürstenhaarschnitt nicht. Dabei hätte er durchaus Grund dazu. Andreas Pohlmann ist der Feuerwehrmann, den Vorstände namhafter Unternehmen anrufen, wenn sie wirklich große Probleme haben – das heißt: aufgeflogen sind in Sachen Korruption, und Strafzahlungen in Millionenhöhe fürchten. Mandanten nennen einen wie ihn einen ‚Macher‘. Pohlmann läuft in kritischen Situationen zur Höchstform auf. Seine Motivation beschreibt er, nach einem kurzen Moment des Überlegens, so: „Krisensituationen interessieren mich brennend.“ Egal, wo das Feuer lodert.

Zum Beispiel in Brasilien: Im halbstaatlichen Konzern Petrobras kam Mitte 2014 ein breit angelegtes Korruptionssystem ans Tageslicht, das bis in brasilianische Politikerkreise reichte. Petrobras rief Pohlmann zu Hilfe. Als Mitglied des Sonderausschusses beaufsichtigt er nun die interne Untersuchung des Unternehmens und hält im Blick, dass die Aufklärung in geregelten Bahnen läuft. Jede zweite Woche fliegt er für zwei bis drei Tage von Frankfurt nach Rio de Janeiro. Sein Meilenkonto bei der Lufthansa? „Siebenstellig, kein Witz.“ Jetlag, Klimaunterschiede? „Ich schlafe im Flieger, kein Problem.“ Für ihn ist das so selbstverständlich wie für andere das Pendeln zwischen Köln und Düsseldorf.

Der richtige Stallgeruch

Dabei war er nicht immer der Anwalt, der von außen kommt und dem Vorstand sagt, was zu tun ist. Und das ist Pohlmanns Erfolgsrezept: Er verantwortete lange Jahre als Chief Compliance Officer in Konzernen das sensible Thema Korruption und verfügt somit in den Augen der Vorstände über den richtigen Stallgeruch. Pohlmann kennt Unternehmensstrukturen und weiß vor allem, was machbar ist. „Niemandem nützt eine brillante juristische Analyse, die in der Praxis nicht umzusetzen ist“, sagt er. Als Chief Compliance Officer hat er praxisnahen Rat seinerzeit schmerzlich vermisst.

Ein Meilenstein für seine Karriere war Siemens, gewissermaßen der Urknall von Compliance in Deutschland. Im November 2006 durchkämmte eine Großrazzia den Traditionskonzern. Die Fahnder entdeckten illegale Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Ein halbes Jahr nach der Razzia wechselte Pohlmann vom Chemiekonzern Celanese zu Siemens, im Auftrag der US-Behörden und der Staatsanwaltschaft München. Er sollte nach dem Skandal ein weltweites Compliance-System für den Konzern mit seinen damals 400.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 72 Milliarden Euro aufbauen. Buchstäblich aus dem Nichts. „Ich hatte ein leeres Büro und einen E-Mail-Account, aber keinen PC“, erinnert sich Pohlmann heute.

Die passenden Leute suchen

Bei der Erinnerung daran lehnt er sich zurück, schlägt seine langen Beine übereinander und lacht. Herausforderungen dieser Art gefallen ihm. Um sich einen Überblick zu verschaffen, suchte er sich bei Siemens als erstes die richtigen Leute. Das waren in erster Linie die obersten in der Geschäftsführung. Eng arbeitete er in dieser Zeit gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats zusammen, Dr. Gerhard Cromme, sowie mit den Vorstandsmitgliedern Peter Lösche und Peter Solmssen. Heute gilt Siemens als Vorzeigeunternehmen, das vom Saulus zum Paulus mutierte. Siemens verfügt über eine der größten Compliance-Abteilungen überhaupt.

Pohlmann öffnete dieser Einsatz nahezu sämtliche Türen. Für ihn ging es von dort 2010 zu Ferrostaal, dem nächsten großen Compliance-Fall. 2011 schließlich gründete er seine eigene Kanzlei. Sein Konzept: Er holt sich BWLer mit ins Boot und pflegt einen multidisziplinären, sehr praxisbezogenen Ansatz. „Ich wollte genau die praxisnahe Beratung anbieten, die mir damals fehlte“, erklärt er.

„Allenfalls für den Mittelstand“

Wettbewerber in den Großkanzleien blickten anfangs etwas abschätzig auf dieses Geschäftsmodell: Das sei allenfalls für den Mittelstand interessant. Dabei kommt der Mittelstand heute nur in Ausnahmefällen zu Pohlmann. Es sind immer noch die Vorstände großer Konzerne, die regelmäßig seine Telefonnummer wählen. Auch, um sich präventiv ein Compliance-System aufbauen zu lassen. Mandanten, für die die Kanzlei alleine im vergangenen Jahr tätig war, sind neben Petrobras etwa der Flughafenbetreiber Fraport, die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia, Audi und Airbus.

Pohlmanns Faszination für Compliance ist in den Jahren seiner Tätigkeit nie erloschen. Im Gegenteil. Besonders schätzt er, dass er sich immer auf den obersten Unternehmensebenen bewegt. Nur einen Nachteil hat der Beraterberuf in seinen Augen. „Man trifft am Ende keine Entscheidung.“ Nicht immer einfach – für einen Macher wie ihn. <<