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25.04.2017 | Autor/in: Norbert Parzinger

Kommentar Arbeitszeitmodelle: Mutiger Vorstoß

Endlich traut sich jemand: Die 35- bis 40-Stunden-Woche für Associates wird Realität. Bisher mussten Juristen, die einen Acht-Stunden-Tag und geregelte Arbeitszeiten wollten, in den öffentlichen Dienst gehen oder eine ruhige, kleine Rechtsabteilung finden. In Wirtschaftskanzleien dagegen ist bisher der Elf-Stunden-Tag die Regel, wie die azur-Associate-Umfrage seit Jahren zeigt.

Zwar gibt es daneben auch Teilzeitmöglichkeiten, doch ihnen haftet meist das Image der Notlösung an, die vor allem negativ definiert ist: kein voller Einsatz, keine realen Karrierechancen – und oft genug nicht mal echte Entlastung, denn wenn spätabends der Mandant anruft, kann das auch ein Teilzeitassociate nicht einfach ignorieren. Feste Arbeitszeiten? Undenkbar, unbezahlbar, tödlich für die Kanzleikultur, hieß es immer.

Klares Entweder-Oder

Das könnte sich bald ändern. Ausgerechnet die transaktionslastigen Kanzleien Linklaters und McDermott Will & Emery haben nun alternative Karrieremodelle eingeführt, Baker & McKenzie bietet eine solche Option schon länger. Die Associates können sich nun auch für eine Festanstellung mit 35- bis 40-Stunden-Woche und pünktlichem Feierabend entscheiden, bei kräftig reduziertem Gehalt. Der Aufstieg in die Partnerschaft ist dabei teils gar nicht mehr vorgesehen.

Trotzdem beteuern die Kanzleien, dass diese Anwälte absolut gleichwertige Kollegen sein sollen. Das ist die eigentliche Neuigkeit, und der Kontrast zu den bisherigen Teilzeitmodellen: ein klares Entweder-Oder. Ein einvernehmlicher Tausch, bei dem beide Seiten wissen, woran sie sind, und für den sich niemand entschuldigen muss. Auch nicht, wenn er um 18 Uhr das Büro verlässt und anschließend keine Mails mehr checkt.

Nicht ohne Risiko

Natürlich ist nicht gesagt, dass sich die neuen Arbeitszeitmodelle problemlos umsetzen lassen. Manche Anwälte sehen schon die Arbeitsschutzbehörden aufmarschieren, die jetzt per Dreisatz ausrechnen könnten, wie viele Stunden ein Associate für 120.000 Euro bringen muss. Andere warnen vor einer Zweiklassengesellschaft: A-Associates auf Partnertrack, die erst recht keine Work-Life-Balance mehr erwarten dürfen, und B-Associates, die nach ein paar entspannten Jahren nur noch gelangweilt Dienst nach Vorschrift machen.

Diese Risiken sind durchaus real. Darum kommt jetzt alles darauf an, ob die Kanzleien ihre Ankündigungen trotzdem ohne Abstriche wahr machen und die neuen Modelle auch im hektischen Mandatsalltag durchsetzen. Wenn feste Arbeitszeiten bei einer Top-Adresse wie Linklaters funktionieren, werden mehr Kanzleien diese Option anbieten müssen. Wenn nicht, ist immerhin klar, wo die Grenzen der Work-Life-Balance in Kanzleien liegen. (Norbert Parzinger)

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