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13.12.2016 | Autor/in: Markus Lembeck

Niedersachsen: Gerichte wollen qualifizierten Nachwuchs begeistern

Um die Attraktivität des Richteramts für den juristischen Nachwuchs in Niedersachen zu steigern, haben sich die Oberlandesgerichte Braunschweig, Celle und Oldenburg zusammengetan. Ein Kooperationsvertrag soll den Richterberuf und die Referendariatsstation interessanter gestalten.

Der am 28.11.2016 von den OLG-Präsidenten unterzeichnete Vertrag beinhaltet Maßnahmen, die zum einen die Einstellungsverfahren beschleunigen. Zum anderen sollen neue Anreize im Referendariat den juristischen Nachwuchs schon früh für das Richteramt begeistern. Ebenso ist eine wirksamere Präsentation des Richterberufs in der Öffentlichkeit ein Anliegen. Neben dem nachwuchsspezifischen Thema stehen auch die Bündelung von Fach- und Spezialwissen sowie eine allgemein verbesserte Justizverwaltung auf dem Plan.

Konkrete Maßnahmen hierfür gibt es schon. Umgesetzt sind sie jedoch noch nicht – der Vertrag ist erst wenige Tage alt. Aber: „In enger Abstimmung mit dem Justizministerium stellen wir die Nachwuchsgewinnung auf neue Füße“, verkündet Michael Schulte, Richter am Oberlandesgericht Braunschweig. Für die OLGs ist es wichtig, qualifizierte Bewerber nicht zu verlieren. Teilweise kommt es vor, dass Nachwuchs nicht sofort eingestellt werden kann, da am gewünschten OLG gerade keine Stelle frei ist. Um diese Bewerber in Zukunft zu halten, arbeiten die OLGs jetzt zusammen und tauschen sich aus: bis die Wunschstelle frei ist kann der Bewerber in einem der anderen OLG-Bezirke arbeiten und erhält die Option, später zurück zu wechseln.

Mehr Abwechslung für Referendare

Auch für Referendare soll das Attraktivitätslevel steigen – die Gerichte setzten hier schon an, um Nachwuchs für den Richterberuf zu sensibilisieren. Neben den üblichen Stationen sollen künftig auch speziellere und spannende Bereiche wie Wirtschaftskriminalität hinzukommen. Mit dem erweiterten Angebot will sich Niedersachsen von anderen Bundesländern abheben. Dies ist auch nötig, wie Schulte erklärt: „In vielen anderen Bundesländern sind zusätzliche Stellen geschaffen worden – dadurch kommt weniger Nachwuchs, zusätzlich zu dem eigenen, nach Niedersachsen.“ Dabei ist in Niedersachsen der Bedarf an Richtern ebenso gestiegen.

Neben den Maßnahmen des neuen Kooperationsvertrags hat Niedersachsen bereits in den letzten Jahren einiges getan, um Nachwuchs zu generieren. „Wir haben schon früh erkannt, dass der bundesweit zu beobachtende Rückgang an Referendaren und ein gleichzeitig steigender Bedarf an Richtern, etwa auch aufgrund der Flüchtlingssituation, uns vor Herausforderungen stellt“, erklärt Schulte. Deshalb sprechen die OLGs die Studierenden schon an der Uni an und sind hier auf Karrieretagen und Messen unterwegs. Um den Referendaren eine hohe Qualität bei den Arbeitsgemeinschaften zu bieten, stellt Niedersachsen die für die AG-Leitung eingesetzten Richter und Staatsanwälte mit der Hälfte ihrer Arbeitskraft frei. Obendrauf erhält jeder Referendar einen gratis Juris-Datenbank-Zugang, um zu lernen.

Arbeitsvolumen für junge Richter reduziert

Auch für die jungen Richter erleichtert Niedersachsen den Berufseinstieg bereits: in den ersten sechs Monaten ist das Arbeitsvolumen reduziert und es gibt eine Reihe an internen und externen Fortbildungen. Die beinhalten neben fachlichen auch praktische Inhalte wie Soft-Skills. Ein Mentor, dem die Richter auf Probe nicht direkt unterstellt sind, ist persönlicher Ansprechpartner.

Das Richteramt war vor einigen Jahren der Traumjob vieler junger Juristen. Bis die Großkanzleien mit Anreizen wie Geld und Internationalität viele der Top-Absolventen in die Großstädte lockten. Das scheint sich langsam wieder zu ändern. Vereinbarkeit von Beruf und Familie, was bei einer Großkanzlei oft schwierig ist, wird immer wichtiger – die Justiz in Niedersachsen bietet hier eine gute Alternative, meint Schulte. Zusätzlich problematisch ist die Bewerberlage wegen des Stadt-Land-Gefälles. Außerhalb der Ballungszentren scheint der Richterberuf für junge Juristen weniger interessant.

Abgesehen von Niedersachsen gehen auch andere Bundesländer das Problem aktiv an und entwickeln neue Konzepte zur Nachwuchsgewinnung. Mecklenburg-Vorpommern erhöht die Unterhaltsbeihilfe, das OLG Hamm in Nordrhein-Westfalen ist auf Bewerbermessen unterwegs und reduziert, ebenso wie die niedersächsischen Gerichte und weitere OLGs etwa in Schleswig oder Brandenburg die Arbeitslast für Berufseinsteiger. Zusätzlich ist für alle klar: Der Wunschort der Bewerber hat Priorität. (Helena Hauser)