Magazin-Artikel
28.10.2016 | Autor/in: Eva Lienemann

Watson, übernehmen Sie!

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In Kanada haben Studenten der Universität Toronto indes die Watson-Technologie bereits genutzt, um den künstlich intelligenten Anwalt Ross zu erschaffen. Seit Mai dieses Jahres arbeitet Kollege Computer nun neben seinen menschlichen Kollegen in der insolvenzrechtlichen Praxis der US-Kanzlei Baker Hostetler und nimmt First-Year-Associates das Aktenwälzen ab, weil er in Sekundenschnelle riesige Mengen lesen und analysieren kann. Willkommen in der Zukunft.

Dass Watson auch Deutsch lernen wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Wie interessiert Watson-Erfinder IBM am deutschen Legal-Tech-Markt ist, zeigt sich auch daran, dass der amerikanische Konzern seine weltweite Zentrale für den Supercomputer dieses Jahr nach München verlegt hat.

Dr. Stefan Mück, Vordenker für die Nutzung neuer Technologien bei IBM, meint, dass sich vor allem für das Massengeschäft oder Verfahren mit hohem Streitwert die Investition in künstliche ­Intelligenz lohnt: „Watson ist einfach schmerzfreier bei der Bearbeitung riesiger Aktenberge“, sagt Mück. Doch was bedeutet diese neue Art der Rechtsberatung für die Juristenausbildung und den Einstieg in den Beruf?

Kanzleistrukturen verändern sich

Micha-Manuel Bues - Jurist, Blogger und Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton.

Micha-Manuel Bues – Jurist, Blogger und Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton.

Einer, der die Digitalisierung des Rechtsmarkts schon seit Jahren beobachtet, ist Dr. Micha-­Manuel Bues. Jurist, Blogger und neuerdings Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton. Der 31-Jährige glaubt, dass Legal Tech vor allem für junge Juristen eine große Chance ist, denn: „Junge Berufseinsteiger sind die natürlichen Verbündeten der Digitalisierung.“ Neben der Bereitschaft für vernetztes Arbeiten braucht es in Zukunft vor allem Juristen, die Verbindungen zwischen Jura und IT herstellen können.

Zu diesem Schluss kommt auch eine Untersuchung zur Zukunft des Rechtsmarkts, die die Bucerius Law School kürzlich gemeinsam mit der Boston Consulting Group erstellte. Kanzleistrukturen werden sich verändern, zukünftig wird es einen viel höheren Bedarf an sogenannten Legal-Tech-Managern geben: Das können sowohl Anwälte als auch IT-Experten sein.

Legal Tech an der Uni

Auf diese neuen Berufsanforderungen stellen sich mittlerweile auch die ersten Universitäten ein. An der Universität Münster kann man seit dem Sommersemester ein Blockseminar zum Thema Legal Tech belegen. Die private Bucerius-Hochschule in Hamburg hat nach amerikanischem Vorbild gleich ein eigenes Institut zum Thema gegründet: den Bucerius Law Port. Er will angehenden und berufserfahrenen Juristen Legal Tech in Fortbildungen, Vorlesungen und einer Summer School nahebringen.

Wer sich für die digitale Welt interessiert, die wohl für die meisten der künftigen Anwälte schon von Geburt an zur Lebenswirklichkeit gehört, kann sich auch fernab der Uni vernetzen. Erst kürzlich gründete sich die European Legal Tech Association ­(ELTA), ein Verband, in den nicht nur Kanzleien und Rechtsabteilungen, sondern auch interessierte Einzelpersonen eintreten können, um sich über die neue Branche auszutauschen.

Bues, einer der Mitinitiatoren beider Projekte, glaubt, dass sich aus der Verbindung zwischen IT und Jura Nischen ergeben werden. „Man braucht Juristen, die beides verstehen“, sagt er. Denn es ist abzusehen, dass die rechtliche Beratung durch die Unterstützung von Software, aber auch durch neue Kanzlei­formen immer mehr in Einzelteile zerlegt und an vielen Stellen automatisiert wird. Dass Berater dann immer mehr mit Prozessmanagern und ITlern zu tun haben werden, gilt als sehr wahrscheinlich.

 Konservative Branche

Doch eines dürfen auch Kanzleien beim Thema Legal Tech nicht aus den Augen verlieren: den Mandanten, oft genug Mittelständler, der selbst womöglich wenig affin ist, was den Einsatz von neuer Technologie angeht. Entsprechendes gilt für das Angebot neuer Pricing-Modelle, wie sie die Kanzlei Pier 11 anbietet. „Die meisten unserer Mandanten sind zwar begeistert, dass wir die Beratung zum Festpreis anbieten“, sagt Rossbach aus Hamburg. „Doch wir haben auch festgestellt, dass zu viel Innovation in einer doch sehr konservativen Branche mitunter noch nicht ausreichend honoriert wird.“ Was die Zukunft der Rechts­beratung angeht, ist es also ein Lernprozess für beide Seiten. Den Anwalt hinter dem schweren Eichenholztischschreibtisch wird es wohl weiterhin geben. Doch die jungen Tech Manager ­werden in Zukunft vermehrt an seine Bürotür klopfen. <<

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