Magazin-Artikel
25.10.2016 | Autor/in: Aled Griffiths

JUVE Insider: Abkehr von der Welt

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Mit der Entscheidung zum Brexit ändern sich die Zukunftsperspektiven für britische Wirtschaftskanzleien drastisch.

Von Aled Griffiths

Nur selten folgte auf die Gelassenheit am Vorabend einer Abstimmung ein so großer Schrecken am Morgen. Die Meinungsumfragen hatten die Hoffnung auf ein positives Ergebnis gestärkt, und auch Wettbüros boten keine Wetten für einen Sieg der Pro-EU-Seite mehr an. Wie sich aber schließlich zeigte, wähnten sich der Mikrokosmos der Londoner Finanzwelt und die politische Elite Großbritanniens in einer trügerischen Sicherheit.

Während die Wähler in der Hauptstadt – dem Hauptstandort so vieler bedeutender Wirtschaftskanzleien – klar für einen Verbleib in der EU stimmten, kehrte das Land insgesamt mit 52 Prozent Pro-Brexit-Stimmen Integration, Immigration und Aufgeschlossenheit den Rücken. Stattdessen flüchteten sie in die nostalgische Vorstellung eines wahrlich großartigen Großbritanniens, das es so nie wirklich gab.

Das Wahlergebnis ist eine Tragödie für das gesamte Land und bedeutet den Rückzug aus der modernen Welt, die aus vernetzten Volkswirtschaften besteht. Dadurch werden auch die ausgeklügelten Strategien internationaler Kanzleien grundlegend infrage gestellt, die ihre Büros in London vielleicht nicht immer als ihr Herzstück, aber doch zumindest als wichtigen Bestandteil ihres internationalen Netzwerks angesehen hatten.

Typisch pragmatisch

Der erste Schock wich zunächst vorsichtigem Optimismus: Die Wahl einer neuen Premierministerin sprach für eine lösungsorientierte Herangehensweise an die neue Situation. Und in typisch pragmatisch-britischer Manier wies manch ein Anwalt sogar auf die möglichen Vorteile der Lage hin. Einer der bekanntesten Gesellschaftsrechtler aus London sagte, der Brexit bedeute, dass „das Land sein System modernisieren und dadurch dessen Relevanz aufrechterhalten kann, ohne zuvor einen Konsens mit seinen früheren europäischen Partnern erzielen zu müssen. Ein Ausscheiden sollte so gesehen eine gute statt einer schlechten Nachricht für das englische Recht sein.“

War der Schrecken die erste Phase, gefolgt von Optimismus, so wird die aktuelle dritte Phase aller Wahrscheinlichkeit nach länger andauern: Ernüchterung. Die ursprünglichen Versprechen der Brexit-Befürworter, dass bald nach der Unabhängigkeitserklärung Großbritanniens neue Handelsabkommen geschlossen werden würden, erfüllten sich nicht. Die Vorstellung, das Land würde die EU im Handumdrehen verlassen können, war nichts als ein Wunschtraum.

Zähe Verhandlungen zu erwarten

Stattdessen zeigte sich, dass die Politiker, die die Brexit-Kampagne geleitet hatten, selbst keine Vorstellung davon hatten, wie sich ihre Versprechen in der Realität umsetzen lassen. So werden die Verhandlungen mit der EU und anderen Handelsblöcken zäh und schwierig werden – genau die Folge, die die Wirtschaft befürchtet hatte. Die Economist Intelligence Unit hat ihre BIP-Erwartung für das Jahr 2017 von einem Wachstum um 1,5 Prozent auf einen Rückgang um 1 Prozent korrigiert. Der Ausblick auf lange Jahre voller Ungewissheit und ausbleibender Investitionen wirkt sich bereits negativ auf die britische Wirtschaft aus. Und zumindest den Anwälten, die in den Bereichen Unternehmenskauf und Finanzen tätig sind, geht schon jetzt die Arbeit aus.

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