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28.06.2016 | Autor/in: Markus Lembeck
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Brexit und der Anwaltsmarkt: Aufschwung für die deutschen Büros?

„Es ist wie im September 2008“: Kanzleisprecher vergleichen die Stimmung nach der Entscheidung der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union mit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise. Die Aktienkurse brachen nach dem Brexit-Votum weltweit ein, die Kurse des britischen Pfunds haben den niedrigsten Stand seit 40 Jahren erreicht, Premierminister Cameron kündigte seinen Rücktritt an. Und auch in den Wirtschaftskanzleien ist die Verunsicherung groß.

Nach innen wie auch in Richtung der Mandanten herrscht dennoch eine Losung vor: Ruhe bewahren! Und erst einmal abwarten, wie der Zeitplan aussieht wird und wie die Austrittsverhandlungen ablaufen. „Als Sozietät hätten wir sicherlich gern ein anderes Ergebnis gesehen. Aber die Ereignisse sind zugleich eine große professionelle Herausforderung, egal wie wir dazu politisch stehen. Denn die Mandanten haben heute ganz viele konkrete Fragen, bei denen die Partner helfen müssen“, sagt Prof. Dr. Stephan Eilers, weltweiter Co-Managing-Partner von Freshfields Bruckhaus Deringer und zugleich Partner in Köln.

Brexit-Taskforces in den Kanzleien

Die Drähte laufen schon jetzt heiß. Zur Betreuung der Mandanten hatten die meisten Kanzleien bereits im Vorfeld der Entscheidung Taskforces gebildet, seit Bekanntwerden des Ergebnisses sind Internet-Beratungsseiten online oder 24-Stunden-Telefon-Hotlines eingerichtet. Mailanschreiben wurden verschickt, zahlreiche Mandanten reisten gar bei einigen Kanzleien direkt nach dem Bekanntwerden der letzten Londoner Wahlergebnisse am frühen Morgen zum Meeting an. Alleine Allen & Overy meldet, seit heute Morgen hätten sich 1.000 Mandanten für eine Telefonkonferenz angemeldet.

Akuten Handlungsbedarf sehen die Kanzleien vor allem bei laufenden Vertragsverhandlungen. Dort müssten Klauseln einbezogen werden, die die Gültigkeit der Verträge nach dem Brexit regeln. Großen Beratungsbedarf gibt es zudem im Finanz- und Bankaufsichtsrecht, Immobilienrecht, beim Datenschutz und in Private-Equity-Themen, mittelfristig werden auch kartell-, beihilfe- und außenhandelsrechtliche Fragen und Steuerthemen hinzu kommen. Schwerwiegende Folgen dürfte der Brexit je nach Austrittsvertrag auch für das Marken- und Patentrecht haben, fürchten unter anderem die Markenrechtler von DLA Piper. Der Start des Europäisches Patentgerichts wird sich möglicherweise um zwei weitere Jahre verschieben.

Wechselkurse und Vergütung

Zur Frage, wie sich die Kanzleien intern auf den Brexit vorbereitet haben, sagte Ulrich Wolff, Mitglied der EU-Referendumsgruppe von Linklaters auf JUVE-Anfrage, man werde sich vor allem die Themen IT, grenzüberschreitende Datenverarbeitung und Arbeitsrecht genau ansehen, wenn sich die genauen Austrittsmodalitäten abzeichneten. Freshfields-Co-Chef Eilers sagte zum Vergütungssystem: „Wir haben die interne Gewinnverteilung nicht an Wechselkursentwicklungen ausgerichtet. Durch den gemeinsamen Profit-Pool gibt es bei uns keine Sollbruchstellen.“ Er hoffe, dass sich die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Büros und der englischen Praxis nach dem Brexit sogar vertiefe.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen der Brexit auf die Kanzleien haben wird, scheint indes kaum abzuschätzen und dürfte auch von Rechtsgebiet zu Rechtsgebiet sehr unterschiedlich sein. Nur in einem sind sich die meisten Anwälte sicher: Zunächst dürfte der Beratungsbedarf steigen. Hogan Lovells: „Wir gehen von einem rasch wachsenden Beratungsbedarf aus, vor allem für unsere Praxisgruppen Corporate und Public Sector. Aber auch im Patentrecht besteht großer Beratungsbedarf, weil den Briten die Schutzrechte ihrer Unternehmen fehlen werden, sollte es während der zweijährigen Austrittsverhandlungen zu einer “harten Landung” ohne eine Regelung des Patentschutzes kommen.“

Aufschwung für den Kanzleistandort Frankfurt?

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch White & Case: „ Wir rechnen mit einer Zunahme des rechtlichen Beratungsbedarfs aufgrund der nun einsetzenden Unsicherheit bezüglich möglicher Konsequenzen des Brexits.“ Die deutsche Kanzlei Arqis teilt mit: „Die Ankündigung des Brexits löst vor allem Unruhe aus, denn niemand kann wirklich sagen, wo die Reise hingeht. Und Unruhe, das ist die traurige Wahrheit, löst Beratungsbedarf aus.“

Sorgen machen sich hingegen hinter den Kulissen langfristig vor allem mit Blick auf das Kapitalmarktgeschäft breit. Einige Börsengänge waren bereits vor dem Brexit auf Eis gelegt. Manch Anwalt freut sich dagegen langfristig auf einen noch stärkeren Finanzplatz Frankfurt und spekuliert auf einen wirtschaftlichen Aufschwung für die deutschen Büros. (Christiane Schiffer)