Magazin-Artikel
20.05.2016 | Autor/in: Markus Lembeck

Arbeitsrecht: Mit allen Mitteln

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Zu den Verhandlern, die gelegentlich lauter werden, gehört Marc-Oliver Schulze. Er steht nicht auf der Arbeitgeberseite, sondern auf der Seite der Beschäftigten, denn Schulze ist Partner der Arbeitnehmerkanzlei AfA Rechtsanwälte. Anders als bei vielen anderen Arbeitnehmervertretern, die bereits vor ihrem Eintritt ins Anwaltsleben eine große Nähe zu Gewerkschaften hatten, war die berufliche Laufbahn von Schulze nicht von vornherein vorgezeichnet. „Meine erste Stelle nach dem Referendariat habe ich zwar in einer Arbeitnehmerkanzlei angetreten. Hätte es ein passendes Angebot gegeben, hätte es aber auch eine Arbeitgeberkanzlei werden können“, meint er rückblickend. Heute könne er sich ­einen Seitenwechsel nicht mehr vorstellen. Denn für ihn gehören Idealismus und eine gewisse politische Überzeugung zum Job dazu.

Klare Rollenverteilung

Haut für seine Mandanten auch mal auf den Tisch: Marc-Oliver Schulze von AfA Rechtsanwälte.

Haut für seine Mandanten auch mal auf den Tisch: Marc-Oliver Schulze von AfA Rechtsanwälte.

In wenigen Rechtsgebieten sind die Rollen so klar verteilt wie im Arbeitsrecht. Im Transaktionsgeschäft vertreten viele Kanzleien mal Käufer, mal Verkäufer. Sie beraten Investoren, Banken und Familiy Offices. Doch im Arbeitsrecht sollte man Farbe bekennen, sich entweder für die Arbeitgeber- oder die Arbeitnehmerseite entscheiden. „Es ist sinnvoll, sich auf einer Seite zu positionieren, denn die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind nun einmal unterschiedlich. Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit“, sagt Irma-Maria Vormbaum-Heinemann, Partnerin der Arbeitnehmerkanzlei Uhlenbruch Vormbaum-Heinemann und Schabram in Köln.

Und der Markt gibt ihr recht: Der Großteil der Arbeitsrechtskanzleien und -teams ist tatsächlich klar positioniert. „Natürlich gibt es Ausnahmen. Den Erfolg von Kanzleien, die beide Seiten beraten, halte ich aber für fragwürdig“, sagt A&O-Partner Ubber. Oft lässt sich schon am Kanzleityp ablesen, welcher Anwalt welchem Lager angehört. Großkanzleien wie Allen & Overy, CMS oder Hogan Lovells sucht man auf Betriebsrats- oder Gewerkschaftsseite vergeblich. Dort sitzen vor allem Rechtsanwälte aus Boutiquen mit überschaubarer Berufsträgerzahl.

Arbeitsrecht in der Groß-Boutique

Dass trotzdem nicht jede spezialisierte Kanzlei zwangsläufig auf Arbeitnehmerseite steht, zeigt das Beispiel Kliemt & Vollstädt. 2003 in Düsseldorf gegründet, hat sie die klassische Boutiquengröße lange hinter sich gelassen. Mittlerweile arbeiten rund 60 Arbeitsrechtler in den Büros in Düsseldorf, Berlin und Frankfurt. So wie Part­nerin Barbara Reinhard (Eine Frage der Überzeugung, Seite 80) vertreten sie Unternehmen, Banken, Ministerien und Vorstände. Die Beratung solcher Mandanten wäre für eine kleine Kanzlei ohnehin schwierig.

Die Wettbewerber auf dieser Seite haben viel Erfahrung. Da einige Großkanzleien Arbeitsrecht eher als Beigabe zum Transaktionsgeschäft betrachten, wechseln immer wieder Teams aus internationalen Kanzleien in Boutiquen oder gründen ihre eigene Einheit. Eines der jüngsten Beispiele ist die Kanzlei Emplawyers aus München, die seit 2014 am Markt ist. Ihre drei Partner haben zuvor schon lange gemeinsam für die internationale Kanzlei Bird & Bird gearbeitet. Das ehemalige Arbeitsrechtsteam von Freshfields Bruckhaus Deringer aus Frankfurt firmiert heute unter Schweibert Leßmann & Partner und auch die Gründungspartner von Kliemt & Vollstädt waren zuvor für eine Großkanzlei tätig, für Clifford Chance.

Andere Mandantenbetreuung

Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter untescheiden sich nicht nur in Kanzleigröße und -struktur. Sehr viel grundlegender sind die Unterschiede in der Art der Beratung und dem Umgang mit den Mandanten. „Ein Arbeitgeberanwalt ist in erster Linie mit wirtschaftlichen und juristischen Fragen beschäftigt. Er muss die Folgen für eine größere Zahl von Mitarbeitern berücksichtigen und nach einem Ausgleich suchen. Arbeitnehmervertreter dagegen haben die menschliche ­Seite noch stärker im Blick, weil sie auch Einzelinteressen berücksichtigen müssen“, sagt CMS-Partner Gaul. Stichwort Empathie.

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