Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Mathieu Klos

„Man muss auch verlieren können“: Wilhelm Haarmann im Porträt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Er ist einer der einflussreichsten Anwälte Deutschlands, ein bodenständiger Sauerländer mit besten Kontakten in die Führungsetagen der Wirtschaft. Wie kaum ein anderer musste Wilhelm Haarmann aber auch lernen einzustecken. Von Mathieu Klos (aus azur 2/2015)

„Man muss auch verlieren können.“ Vielen Mächtigen des Landes würde man diese Aussage wohl kaum abnehmen – aus gesunder Skepsis heraus. Prof. Dr. Wilhelm Haarmann, einem der bekanntesten Steuer- und Transaktionsanwälte Deutschlands, jedoch kann man sie getrost glauben. Der 64-Jährige hat große Erfolge gefeiert, aber auch eine bittere Lektion gelernt.

Wilhelm Haarmann

Wilhelm Haarmann

Im Frühjahr 2000 hält ganz Deutschland wochenlang den Atem an. Die feindliche Übernahme der Mannesmann AG durch Vodafone tobt. Mittendrin Wilhelm Haarmann. Der Anwalt und seine Kanzlei Haarmann Hemmelrath & Partner beraten den britischen Mobilfunkriesen bei der Übernahme, die schließlich für 153 Milliarden Euro über die Bühne geht. Es ist die bis heute größte Übernahme der Wirtschaftsgeschichte, der Höhepunkt für Haarmann persönlich und seine Kanzlei, nur 13 Jahre nach ihrer Gründung. Haarmann Hemmelrath ist zu diesem Zeitpunkt nach Berufsträgern die größte unabhängige Kanzlei Deutschlands, größer noch als Hengeler Mueller. Haarmann selbst ist ein gefeierter M&A-Anwalt und gern gesehener Gast auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Späte Genugtuung

Doch schon zwei Jahr später beginnt ihr Stern zu sinken. Eine Schadensersatzklage wegen angeblicher steuerrechtlicher Falschberatung über 430 Millionen Euro des Werhahn-Konzerns trifft Haarmann Hemmelrath. Wilhelm Haarmann ist sich damals sicher, dass Werhahn damit maßgeblich zum Niedergang seiner Kanzlei beigetragen hat – dem spektakulärsten der deutschen Anwaltsgeschichte.

Ende 2005 beschließen die Partner deren Liquidation. Ein zu schnelles Wachstum, eine Partnerschaft, die den Blick für das richtige Maß verloren hat, und die Wirtschaftskrise der Jahre 2002 und 2005 trugen ebenfalls dazu bei. Vom Vorwurf der Falschberatung spricht der Bundesgerichtshof die Kanzlei nach einem jahrelangen juristischen Nachspiel schließlich frei. Eine späte Genugtuung für Wilhelm Haarmann, der den Prozess gegen Werhahn erbittert und emotional durch die Instanzen ficht.

Neuer Hafen Linklaters

Wilhelm Haarmann ist keiner dieser raumgreifenden Staranwälte, die vor Ego und großen Taten strotzen. Wilhelm Haarmann ist eher bodenständig, vielleicht auch wegen der Erfahrungen dieser Jahre. Er entfaltet seine Wirkung erst nach und nach, wenn er sich nach einer Aufwärmphase im Stuhl zurücklehnt und – die Arme jovial über die Rückenlehne ausgebreitet – von der Mannesmann-Übernahme und vom Aufstieg und Fall seiner alten Kanzlei erzählt. Seit zweieinhalb Jahren hat er bei Linklaters einen neuen Hafen gefunden.

Dort tut er das, was Anwälte in seinem Alter und seines Formats so tun: Er stellt Kontakte in die Führungsetagen der Wirtschaft her, berät zum Steuerrecht oder bei Transaktionen, vor allem aber wirkt er gerne als Schiedsrichter. Bei Linklaters nennen sie ihn liebevoll-anerkennend Willi Haarmann.

Willi Haarmann redet nicht geschliffen wie manch ein Anwaltskollege. Über seine Zunge kommen eher einfache Sätze – wie Sauerländer halt so sprechen. Er ist keiner dieser austauschbaren Wirtschaftsanwälte mit überkorrekt gezogenem Scheitel. Als erstes bleibt man an Haarmanns Gesicht hängen, an den immer leicht schläfrig wirkenden Augenlidern, hinter denen aufgeweckte Augen den Raum und die anwesenden Personen permanent beobachten.

Willi Haarmann, der Sohn Hagener Schrauben- und Schlossfabrikanten, könnte auch gut in der Stammkneipe des örtlichen Unternehmerverbandes sitzen und würde auch dort seinen Einfluss und seine Kontakte spielen lassen. Aber Wilhelm Haarmann zieht es vor, in Davos die Mächtigen der Weltwirtschaft zu treffen. „Nicht um Akquise zu betreiben, sondern um die Menschen dort zu verstehen“, wie er sagt. Von Davos spricht Haarmann gerne. Den Weg dorthin hat er sich zielstrebig und schon früh gebahnt. Beispielsweise als er das Angebot eines Onkels, in dessen Schwelmer Kanzlei einzusteigen, ablehnte und stattdessen 1977 zur Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Young ging, um Steuerprüfung zu lernen.

Gefeierter M&A-Anwalt

„Das Steuerrecht ist eine hervorragende Basis, die Anwälten den Zugang zu vielen anderen Bereichen öffnet, in denen betriebswirtschaftliche und steuerliche Kennzahlen eine wichtige Rolle spielen“, sagt Haarmann, „etwa im Insolvenzrecht oder bei Transaktionen.“

Bei Arthur Young und später bei Peat Marwick, einer anderen internationalen WP-Gesellschaft, bekam er schnell die Chance komplexere Sachverhalte zu begleiten, vor allem Transaktionen. Seinen Aufstieg zum gefeierten M&A-Anwalt befeuerte Wilhelm Haarmann, als er 1987 Peat Marwick nicht in die Fusion zu KPMG folgte, sondern stattdessen mit sechs weiteren Anwälten in München Haarmann Hemmelrath gründete.

Wilhelm Haarmann ist in gewisser Weise ein Relikt einer vergangenen Epoche, vielleicht einer der letzten Vertreter der Deutschland AG und gleichzeitig ein Scharnier zur Generation Facebook und Twitter. Denn soziales Netzwerken, das hat der Anwalt Zeit seines Lebens par excellence zelebriert. „Auch wenn es von außen anders scheint, aber in der steuerrechtlichen Beratung stehen nicht die Zahlen, sondern der Mensch im Mittelpunkt“, sagt Haarmann. Insofern kann man von ihm einiges lernen. Ob für seine Erben Davos noch das Maß aller Dinge sein wird, bleibt dahingestellt.