Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Markus Lembeck

LL.M. in der Schweiz: Alles Käse, oder was?

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Die Meinungen über Schweizer LL.M.-Programme sind geteilt. Zu wenig international, sagen Kritiker. Doch das Alpenland hat viel zu bieten: ein mehrsprachiges Umfeld, hochkarätige Dozenten sowie die Nähe zu internationalen Konzernen und Organisationen. Von Katja Gersemann (aus azur 2/2015)

Anfänglich war die Schweiz für Carolin Schlösser nur zweite Wahl. Denn ursprünglich wollte sie den LL.M. am Europakolleg in Brügge absolvieren, um sowohl ihre Englisch als auch ihre Französischkenntnisse zu vertiefen. Die Bewerbung am Graduate Institute in Genf war für die 26-Jährige mehr oder weniger nur eine Backup-Lösung. Doch nach Gesprächen mit beiden Unis entschied sie sich für Genf. „Ich hatte einfach einen besseren Eindruck vom Genfer Programm“ sagt Schlösser, die dort im Juni ihren LL.M. in International Law abgeschlossen hat. „Und im Nachhinein bin ich sehr froh über die Entscheidung.“

Die Schweiz war nur zweite Wahl: Carolin Schlösser studierte am Graduate Institute in Genf.

Die Schweiz war nur zweite Wahl: Carolin Schlösser studierte am Graduate Institute in Genf.

Die Stadt ist ein spannender Schmelztiegel: Zahlreiche internationale Organisationen wie UNO, WHO, WTO, CERN oder UNHCR haben hier ihren Sitz, rund die Hälfte der Einwohner sind Ausländer. Schlösser schwärmt von den renommierten Dozenten am Graduate Institute. Ganz besonders hängen geblieben ist der Wahl-Düsseldorferin eine Studienfahrt nach Den Haag, wo sie einen ihrer Professoren beim Plädieren vor dem Internationalen Gerichtshof erlebte. „Es war sehr beeindruckend, die Person, mit der man persönlich schon einmal zwischen zwei Kursen geplaudert hatte und die auch bei Barbecues und Empfängen immer gerne für einen kleinen Plausch mit den Studenten vorbeischaut, vor der langen Richterbank zu erleben“, sagt Schlösser.

Große Auswahl

Genf ist bei Weitem nicht der einzige attraktive Schweizer Uni-Standort: Auch Städte wie ­Zürich, Lausanne oder Fribourg bieten Vollzeit-LL.M.-Programme, die Universität von St. Gallen lockt mit einem berufsbegleitenden Programm, dessen Module in wechselnden Metropolen absolviert werden. Die Schweizer Universitäten trommeln laut, um potenzielle LL.M.-Studenten aus dem Ausland auf sich aufmerksam zu machen. Auf ihren Websites finden sich verheißungsvolle Versprechungen wie „Truly international“, „Embark on the flying classroom“ oder „The next Generation of International Lawyers“.

Hier finden Sie die azur-Übersicht zu sieben renommierten LL.M.-Programmen in der Schweiz.

Tatsächlich sind das oft keine leeren Worthülsen: Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Welt. In Lausanne etwa stammen in der Regel nur ein oder zwei Teilnehmer aus Deutschland. Einige Programme veranstalten regelmäßige Exkursionen zur EU-Institutionen. Und unter den Dozenten finden sich renommierte Professoren und Praktiker aus unterschiedlichen Ländern.

Trotzdem fällt die Entscheidung für einen LL.M. in England, den USA oder anderen angelsächsisch geprägten Ländern bei vielen deutschen Juraabsolventen fast schon reflexartig. Kein Wunder: Personalverantwortliche aus Großkanzleien sehen generell den Master aus englischsprachigen Ländern am liebsten. Selbst bei aufgeschlossenen Partnern schwingt Skepsis mit: „Eine Zusatzqualifikation ist ein LL.M. aus der Schweiz in jedem Fall“, sagt Dr. Thomas Grützner, Partner aus dem Münchner Büro von Baker & McKenzie. „Die interkulturelle Erfahrung ist aber sicherlich nicht so ausgeprägt wie bei einem USA-Aufenthalt.“

Mehrsprachige Ausbildung

Absolventen sehen das – zumindest in der französischen Schweiz – anders. In Genf und auch in Lausanne läuft ein Großteil des Programms in englischer Sprache, daneben gibt es die Möglichkeit, an Wahlveranstaltungen auf Französisch teilzunehmen. Carolin Schlösser war die mehrsprachige Ausbildung wichtig. Sie kann sich vorstellen, später in einer internationalen Organisation oder im Auswärtigen Dienst zu arbeiten. Durch das Programm ist die Prädikatsjuristin darauf passgenau vorbereitet, denn dessen Schwerpunkt liegt auf Völkerrecht.

Schlösser weiß allerdings, dass die Konkurrenz riesig ist, und sieht ihre Wahl auch pragmatisch: „Ein LL.M.-Studium in Genf bringt keine unmittelbaren Vorteile im Hinblick auf die Bewerbung bei einer internationalen Organisation“, sagt Schlösser. „Aber hier hat man die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen.“ Zurzeit absolviert sie ein Praktikum bei der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen. Anschließend geht sie zunächst für drei Monate zu Linklaters nach Düsseldorf, bevor sie in das Referendariat startet.

„Unsere deutschen Absolventen ergreifen ganz unterschiedliche Jobs“, hat Jason Rudall, Programm-Manager am Genfer Graduate Institute, beobachtet. Einige arbeiteten in NGOs, wie etwa bei der International Commission of Jurists, einige promovierten, andere kämen bei internationalen Organisationen unter.

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