Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Christin Nünemann

JUVE Insider: Licht aus! Ein Abendspaziergang in Frankfurt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Work-Life-Balance und Leistungsdruck – wie passt das zusammen? Ein Rundgang durchs Frankfurter Büroviertel offenbart viele erleuchtete Kanzlei-Etagen. Von Christin Nünemann (aus azur 2/2015).

Die 20-Uhr-Tagesschau ist gerade vorbei. Im Frankfurter Büroviertel ist von Feierabendstimmung allerdings noch keine Spur. Im Gegenteil. Bei den Kanzleien brennen an diesem Donnerstagabend noch ziemlich viele Lichter. Vor allem bei Hengeler Mueller an der Bockenheimer Landstraße sind die meisten Fenster hell erleuchtet. Auch bei Freshfields Bruckhaus Deringer im Park Tower direkt hinter der Alten Oper wird wohl noch fleißig gearbeitet. Beide Top-Kanzleien scheinen ihrem Ruf als Arbeitshochburgen gerecht zu werden.

Laut der aktuellen azur-Associateumfrage arbeiten die angestellten Anwälte dieser Kanzleien zwischen 61 und 62 Stunden pro Woche. Diese Belastung überrascht nicht, setzen doch beide ihren Arbeitsschwerpunkt auf die Begleitung von Transaktionen.

Im Frankfurter Opernturm, gleich in der Nachbarschaft von Freshfields, schuften die Ashurst-Anwälte bis in den Abend hinein. Nur wenige Büros rund um die 26. Etage sind schon dunkel. Schließlich schaffen die Anwälte hier im Schnitt 60 Stunden pro Woche. Unterdessen drängen sich gegenüber der Alten Oper zahlreiche Frankfurter in den Restaurants und Bars der beliebten Fressgass‘ und genießen den Feierabend. Weiter die Neue Mainzer Straße hinunter. Der Berufsverkehr hat sich schon lange beruhigt.

Rege Betriebsamkeit

Während es auf den Straßen des Bankenviertels ruhig wird, herrscht darüber noch rege Betriebsamkeit: Die Büroräume von Clifford Chance an der Mainzer Landstraße lassen sich in dem schwindelerregend hohen Haus leicht ausmachen – sie sind die einzigen noch erleuchteten. Die Anwälte dort arbeiten im Durchschnitt 58,5 Stunden pro Woche.

„Arbeiten bis spät in die Nacht und am Wochenende“, „Anwesenheitspflicht, obwohl nichts zu tun ist“, „keine Trennung von Arbeits- und Freizeit“ – das werfen Associates ihren Arbeitgebern in der azur-Associateumfrage vor. Sie wollen ihren Arbeitsalltag flexibler gestalten, mehr Zeit für Familie. In der aktuellen azur-Bewerberumfrage halten 77 Prozent der Nachwuchsjuristen ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit, Freizeit und Familie bei der Arbeitgeberwahl für wichtig.

Es ist noch nicht lange her, da wurde der Nachwuchs für seine Freizeitforderungen von Partnern der meisten Wirtschaftskanzleien – egal ob groß oder klein, spezialisiert oder breit aufgestellt – belächelt. Heute geben viele Kanzleien den Wünschen der Bewerber nach. „Die jungen Leute wollen nicht mehr Tag und Nacht arbeiten“, sagt ein Frankfurter Partner einer US-amerikanischen Kanzlei. „Ja, wir waren da anders. Aber wir brauchen den Nachwuchs.“ Die wenig günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt zwingt die Kanzleien, auf die Bedürfnisse der Associates einzugehen.

Das Jackett über dem Stuhl

Die hell erleuchteten Fenster in den Frankfurter Kanzleibüros werfen aber auch die Frage auf, ob hier die Anwälte tatsächlich noch fleißig sind. Oder sitzen sie nur ihre Zeit ab? Vielleicht täuschen einige nur Anwesenheit vor, indem sie das Licht anlassen und ihr Jackett über den Stuhl hängen. Denn so mancher Top-Jurist brüstet sich nach wie vor damit, zahlreiche Nächte durchzuschuften. Der Wandel in den Köpfen ist ein zäher Prozess.

Für viele junge Juristen ist die langlebige Tradition des Vielarbeitens Grund genug, ihre Karriere im Staatsdienst oder einem Unternehmen zu starten. Dem wollen einige Sozietäten mit neuen Angeboten für den Nachwuchs entgegenwirken: Wer auf seinem Weg nach oben mehr Freizeit haben möchte, beschreitet einen Karriereweg abseits der klassischen Pfade. Bei Baker & McKenzie etwa heißt dieser Weg ‚Alternative Career Track‘. An seinem Ende steht nicht der Partnerstatus, sondern der Counsel. Allerdings bedeutet weniger Arbeit auch weniger Gehalt.

Trotz inzwischen zahlreicher Bemühungen der Kanzleien um eine ausgewogenere Work-Life-Balance scheint eines unumstößlich: Der Beruf des Anwalts kann niemals ein 9-to-5-Job sein. Das ist die Überzeugung der meisten Partner. Denn Anwälte sind in erster Linie Dienstleister. „Wenn der Mandant eine wichtige Angelegenheit bis zum nächsten Tag erledigt haben will, dann können wir nicht um 17 Uhr Feierabend machen“, beschreibt ein erfahrener Anwalt die Realität im Berateralltag.

„Viel arbeiten“ – das heißt laut azur-Associateumfrage im Durchschnitt 54,6 Stunden pro Woche. Vor fünf Jahren arbeiteten die Associates laut eigener Angaben im Kanzleischnitt sogar 56,4 Wochenstunden. In vielen Großkanzleien sind die Nachwuchsanwälte häufig sogar an eine deutlich höhere Arbeitsbelastung gewöhnt.

Zwölf Stunden pro Tag

„An einem normalen Tag arbeite ich zwölf Stunden“, so der Associate einer deutschen Traditionskanzlei. „Das ist völlig ok. Associates von internationalen Großkanzleien arbeiten genauso viel wie wir, nur häufiger bei Nacht.“ Lange Arbeitszeiten sind aber nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite erwarten viele Kanzleien von ihren Associates eine Mindestzahl von Stunden, die gegenüber den Mandanten in Rechnung gestellt wird – im Durchschnitt sind das 1.630 sogenannte Billable Hours.

Zieht man von 52 Wochen pro Jahr sechs Wochen für Urlaub und zwei für Krankheit ab, bleiben 44 Wochen übrig. Das bedeutet, dass ein Associate jede Woche 37 abrechenbare Wochenstunden erbringen muss. Bei durchschnittlich 54,6 Arbeitsstunden pro Woche müssen die Associates jeden Tag 11 Stunden arbeiten, also von 9 bis 20 Uhr oder von 10 bis 21 Uhr – theoretisch.

Ein Lichtblick – alle Lichter aus

Die vielen erleuchteten Anwaltsbüros in Frankfurts Bankenviertel sprechen jedenfalls dafür, dass Wirtschaftsanwälte sehr kreativ sein müssen, wollen sie Arbeit und Freizeit miteinander in Einklang bringen. Einen Lichtblick gibt es an der Kreuzung Mainzer Landstraße und Westendstraße. In der Baurechtsboutique Breyer sind schon alle Lichter aus. Keine Großkanzlei eben. Oder alles Frühaufsteher?

Glaubt man den Angaben aus der azur-Associateumfrage, ist die Welt der Wirtschaftskanzleien denkbar einfach gestrickt. In den Großkanzleien wird deutlich länger gearbeitet als in kleinen spezialisierten oder mittelgroßen Kanzleien. Bei den Frankfurter Corporate-Kanzleien Heymann & Partner und Greenfort sind es laut azur-Umfrage 50 bzw. 52 Wochenstunden, bei der mittelgroßen Sozietät Schalast & Partner im Frankfurter Westend nur 47,5 Wochenstunden. Auch wenn die Arbeitslast für Wirtschaftsanwälte im Allgemeinen hoch ist, sind die Associates laut azur-Associateumfrage mit ihr im Großen und Ganzen zufrieden.

„Kanzlei nimmt Rücksicht“

Auch in den Großkanzleien sind einige Nachwuchsjuristen mit ihren Arbeitszeiten im Reinen – sei es, weil ihnen eine gute Work-Life-Balance weniger wichtig ist, sei es, weil die neuen Arbeitszeit- und Karrieremodelle der Kanzleien Wirkung zeigen.

In der azur-Umfrage lobt ein Ashurst-Associate: „Die Kanzlei nimmt auf die Familienplanung Rücksicht.“ Und ein Anwalt von King & Wood Mallesons schreibt: „Hier gibt es geregelte Arbeitszeiten, keine Wochenendarbeit und die Möglichkeit, im Homeoffice oder in Teilzeit zu arbeiten.“ Bei Linklaters betonen Associates, dass die Arbeitszeit flexibel gestaltet werden kann.

Luft nach oben gibt es allerdings fast überall. Kurz nach Mitternacht, direkt am Mainufer, brennt immer noch Licht bei einer Großkanzlei. Ob hier fieberhaft an einer Transaktion gearbeitet wird? Oder konferieren die Anwälte mit ihren Kollegen in den USA? Vielleicht nutzen sie aber auch die flexiblen Arbeitszeiten aus. Denn wer sagt, dass jeder Associate am liebsten tagsüber arbeitet?