Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Christine Albert

JUVE Insider: Die Zeit der Unicorns

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Sticks & Stones ist eine ungewöhnliche Karrieremesse. Hier buhlen Kanzleien um LGBTI-ler – ein Rundgang von Christine Albert (aus azur 2/2015).

Wer kennt sie nicht, die zahlreichen Karrieremessen für Juristen? Meistens ist hier zwar der Umgangston bemüht locker, aber alles in allem geht es um eine ernste Sache: die Zukunft der Bewerber und die Zukunft der Arbeitgeber. Wirtschaftskanzleien machen Jagd auf die besten Nachwuchsjuristen, diese wiederum versuchen denjenigen Arbeitgeber zu identifizieren, der ihnen die besten Ausbildungsprogramme und Karriereangebote in Aussicht stellt.

Konservative Branche

Diese beiden Punkte sind für viele weiterhin zentral, reichen aber schon lange nicht mehr, um die veränderten Bedürfnisse der Bewerber abzudecken. Heute kommt es auch darauf an, dass Arbeitgeber Teilzeitmöglichkeiten, eine gute Work-Life-Balance bieten und nicht nur weiße heterosexuelle Männer beschäftigen und fördern. Zwar haben in den vergangenen Jahren etliche Kanzleien entsprechende Frauenförderungsprogramme, schwul-lesbische Interessensgruppen oder alternative Karrierewege auf die Schiene gesetzt, doch weiterhin haftet der Branche ein eher konservativer Ruf an

Die Jobmesse Sticks & Stones hat sich zur Aufgabe gemacht, beide Welten zusammenzubringen. Den Machern ist es wichtig, dass Homosexualität nicht nur als Lifestyle akzeptiert, sondern in der Arbeitswelt als Potenzial erkannt wird. „Alle profitieren davon, wenn man seine eigentliche Identität nicht hinter einem angepassten Büro-Doppelleben verstecken muss“, schreibt der Initiator der Sticks & Stones, David Cameron, in der Messebeilage. Die Veranstaltung richtet sich explizit an die LGBTI-Gruppe (die Abkürzung von lesbian, gay, bisexual, transgender, intersexual) beziehungsweise an Menschen, die andersartig sind.

‚Unicorns‘ heißen sie in der Sticks & Stones-Welt. „Egal ob dick oder dünn, alt oder jung, weiß oder schwarz, homo oder hetero“, heißt es auf der Website der Messe, die sich selbst gerne als „der Rockstar unter den Karrieremessen“ sieht. Die Messe ist zudem offen für alle Fachrichtungen.

Smoothies und Burger

Neben den Messeständen haben die Veranstalter ein umfangreiches Vortragsprogramm auf die Beine gestellt. Selbstredend gibt es auch eine After Party. Auf der anderen Seite richtet sich die Messe an Unternehmen, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Mitarbeiter nicht nach angepassten Funktionsmodellen aussuchen.

Als die Messe 2010 zum ersten Mal stattfand, damals noch in München und unter dem Namen MILK, sprach dieses Konzept nur eine Handvoll Aussteller an – darunter mit Simmons & Simmons gerade einmal eine Kanzlei. 2015 sind es mit 87 Ausstellern aus ganz unterschiedlichen Branchen, davon neun Wirtschaftskanzleien, deutlich mehr, die sich an einem sehr heißen Juni-Tag im Motorenwerk in Berlin-Weißensee positionieren.

Kanzleien für Einhörner

■ Baker & McKenzie
■ Freshfields Bruckhaus Deringer
■ GSK Stockmann + Kollegen
■ Hengeler Mueller
■ Hogan Lovells
■ Kapellmann und Partner
■ Latham & Watkins
■ Simmons & Simmons
■ White & Case
■ Ernst & Young
■ PricewaterhouseCoopers

Schon allein die Location ist auch in diesem Jahr wieder äußerst untypisch für eine Karrieremesse: In der alten Fabrikhalle hängen in großer Höhe ein paar verlorene Deckenventilatoren herab, ein DJ mit neonfarbenen Augenbrauen macht Musik am Laptop, es gibt Smoothies und Burger, das Ambiente insgesamt ist eher das eines Konzertes. 1991 fand hier der erste Mayday-Tanzevent Deutschlands statt. Die meisten der Bewerber, die dieses Jahr hier anwesend sind, gingen damals noch in den Kindergarten. Nicht aus allen sind Juristen geworden.

„Wir sind eine Anwaltskanzlei“ erklärt ein Simmons & Simmons-Partner einer Bewerberin mit regenbogenbunt gefärbten Haaren. Man trifft Ägyptologie- und Psychologiestudenten genauso wie BWLer oder eben junge Juristen. Die müssen sich im Erdgeschoss der Halle bis ans Ende durchschlängeln, vorbei an den farbenfrohen Adidas-Turnschuhen und riesigen Ständen von Allianz oder der Deutscher Telekom, bis sie die Stände der Kanzleien erreichen.

Einige davon wie Simmons oder White & Case kommen schon seit ein paar Jahren zu der Messe, für andere wie Hengeler Mueller etwa ist 2015 die Premiere. Gegen die Mittagszeit füllt sich die Halle langsam, bei den Kanzleien bleibt es aber auch in Hochzeiten überschaubar. Im Vergleich zu anderen Messen sei hier doch wenig los, sagt ein Associate von Latham & Watkins. Nicht alle ausstellenden Sozietäten haben feste Termin im Vorfeld vereinbart.

Aus New York angereist

Hogan Lovells etwa wartet vor allem auf Laufkundschaft. „Vor zwei Jahren haben wir tatsächlich jemanden über die Sticks & Stones eingestellt, aber eigentlich nutzen wir die Messe vor allem, um uns als Arbeitgebermarke bekannt zu machen“, sagt der Partner einer internationalen Kanzlei. Einigermaßen viel Betrieb ist am Stand von White & Case. Die Kanzlei legt sich in Sachen Diversity seit einigen Jahren mächtig ins Zeug. Zur Sticks & Stones ist sogar ein Anwalt aus ihrem New Yorker Büro gekommen.

Auch der Hamburger Partner Dr. Matthias Stupp ist da, der 2011 die LGBTI-Gruppe für White & Case in Deutschland initiierte. Er war auch in den Tagen vor der Messe schwer mit dem Thema beschäftigt: Am dritten deutschen Diversity-Tag präsentierte er auf einer Kanzleiveranstaltung die sogenannte Affinity-Gruppe seiner Kanzlei mit dem Namen ‚Colorful‘. Damit will die US-Kanzlei betonen, dass sie Vielfalt, Gleichheit und Respekt als wichtige Teile ihrer Unternehmenskultur definiert.

Natürlich handelt keine der Kanzleien aus reinem Altruismus. Der demografische Wandel wird immer mehr Arbeitgeber zum Umdenken zwingen. Das wird in Zeiten massenhafter Flüchtlingsströme umso eindringlicher deutlich: Junge, weiße deutsche Männer werden weniger. So müssen Arbeitgeber den Kreis der potenziellen Mitarbeiter auf talentierte Frauen, Ältere, Migranten, Menschen mit Behinderungen und eben auch LGBTI-ler erweitern. Und auch die Bewerber sehen der Realität bereits ins Auge: „Letztlich ist es egal, welche tollen Programme eine Kanzlei hat. Wenn man sich mit dem Partner nicht versteht, dann ist es einfach schlecht“, sagt ein Messebesucher.

Mehr Hoffnung auf Unternehmen

Eine andere Bewerberin, die mehrere Gespräche bei Kanzleien geführt hat, will sich deshalb unbedingt auch noch bei Unternehmen vorstellen. Dort erhofft sie sich ein breiteres Betätigungsfeld und eine weniger zugespitzte Hierarchie. Die Gelegenheit dazu ist auf der Berliner Messe günstiger als auf reinen Juristenmessen, denn überwiegend sind hier Unternehmen anwesend. Darunter übrigens auch der Medienriese Universal, der in regelmäßigen Abständen eine Minion-Figur durch die Gänge schickt. Mit der machen dann viele Besucher ein Foto. Nur, dass aus dem Kostüm später ein kleinwüchsiger Mann steigt, spiegelt hoffentlich nicht das Diversity-Verständnis des Unternehmens wider. Ein wahrer ‚Echt jetzt?-Moment‘.

Eine lesbische Juristin berichtet derweil von einem Erlebnis der anderen Art: Als Praktikantin in einer großen deutschen Kanzlei meinte ein Partner zu ihr, sie könne doch mal die Spülmaschine ausräumen, wenn sie schon in der Teeküche sei. Als sie sich weigerte, regte er sich über die Frauen von heute auf und ging schimpfend davon. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie viel Wegstrecke hin zu mehr Gleichberechtigung und Wertschätzung noch vor den Kanzleien liegt. Und das beweist, wie wichtig eine Messe wie die Sticks & Stones ist.
Ach ja, besagte Kanzlei war übrigens nicht mit einem Stand auf der Sticks & Stones vertreten.

JUVE und die azur-Redaktion sind am 30. Oktober in Frankfurt auf der LGBTI-Juristenmesse Alice vertreten. Besuchen Sie uns an unserem  Stand!