Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Laura Bartels

Heimatfreund: Martin Gisewski im Porträt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Zuhause ist es am schönsten. Das dachte sich Martin Gisewski, als er vor wenigen Monaten von Düsseldorf in seine alte Heimat Essen zog. Internationale Kanzleien sucht man hier vergeblich, aber anspruchsvoll ist der Mittelstand auch. Von Laura Bartels (aus azur 2/2015)

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, sang 1999 der große Herbert Grönemeyer aus Bochum. Dr. Martin Gisewski, Associate der Kanzlei Kümmerlein aus Essen, sieht das ein bisschen anders. „Ein Gefühl entwickelt man ja häufig erst an einem bestimmten Ort”, sagt er. Doch dieses Heimatgefühl wollte sich auch nach acht schönen Jahren im benachbarten Düsseldorf nicht so recht einstellen.

Deshalb überschritt er im vergangenen Jahr die imaginäre Trennlinie kurz hinter Ratingen und kehrte dorthin zurück, wo er sich wirklich heimisch fühlt – in den Essener Süden. „Heimat” das ist für ihn Schwerindustrie, die Zeche Zollverein und ein ganz bestimmter Menschenschlag.

Von Freshfields zu Kümmerlein

Denn im „Pott” sagen sich die Menschen noch direkt, was sie voneinander halten. Das bekam der heute 38-Jährige schon mal zu spüren, als er vor etlichen Jahren mit einem Fan-Fön des FC Bayern München, einem Geschenk seiner Großmutter, stolz in der Umkleidekabine seines Essener Fußballvereins auftauchte. Zwar war keiner seiner Freunde glühender Fan von Rot-Weiss Essen, die schon damals deutlich unterhalb der Bundesliga spielten. Dass sich Gisewski aber auch für keinen anderen Ruhrklub begeistern konnte, kam nicht so gut an.

Martin Gisewski

Martin Gisewski

Auf den neuen alten Wohnort folgte bald eine neue Kanzlei. Und so unterschiedlich wie Düsseldorf und Essen sind auch Gisewskis alter und neuer Arbeitgeber. Nach fast sieben Jahren bei Freshfields Bruckhaus Deringer kehrte der Associate der internationalen Großkanzlei den Rücken und wechselte zur deutschen Traditionskanzlei Kümmerlein. Während Freshfields allein in Deutschland mehr als 500 Anwälte und sechs Büros hat, arbeiten bei Kümmerlein knapp 50 Juristen am einzigen Standort in Essen. Ein Kulturschock war der Wechsel für Gisewski trotzdem nicht.

Gutes Netzwerk

Trotz aller Unterschiede. Die Beratung ist partnerbezogen, Personal- und Kostenstruktur bleiben in einem überschaubaren Rahmen. Die Arbeitsbelastung ist hoch, aber nicht zu hoch. Neben klassischer Mandatsarbeit bleibt Zeit für mehr. „Neben dem rein Juristischen ist es wichtig, dass ein Anwalt, der im Mittelstand beraten will, Interesse an Themen wie Networking und strategischer Geschäftsentwicklung hat”, sagt Gisewski.

Und das hat er. Schon zu Freshfieldszeiten hat er sich ein eigenes Netzwerk, unter anderem zu Unternehmensjuristen, aufgebaut. „Allerdings sollte man als Associate nicht gleich zu Anfang versuchen, sich auf Entscheiderebene zu vernetzen, sondern Kontakte auf gleicher Hierarchieebene suchen“, sagt er. Und mit etwas Glück trifft dann der Kontaktmann in ein paar Jahren die Mandatsentscheidungen.

Persönliche Beziehungen sind alles. Und im Mittelstand gilt das mehr als anderswo. „Verhandlungen werden emotionaler geführt als mit Konzernjuristen. Die Unternehmer sind schließlich persönlich betroffen. Das erfordert je nach Art des Mandats auch ein hohes Maß an Sensibilität“, erklärt Gisewski. Für ihn war das eine neue Erfahrung. Bei Freshfields saßen ihm meist Unternehmensanwälte gegenüber, die weder Blut, Schweiß noch Tränen für den Aufbau des Unternehmens, für das sie arbeiten, vergossen haben. Beim Unternehmer ist das ganz anders.

Deals und Dauerberatung

Völlig verändert hat sich Gisewskis Arbeit aber nicht. Obwohl die mittelständische Mandantenbetreuung vor allem auf Dauerberatung ausgerichtet ist, sind die Kümmerlein-Anwälte auch regelmäßig in Transaktionen zu sehen. In den ersten acht Monaten hat Gisewski bereits bei zwei größere Deals mitgearbeitet, zuletzt beim Verkauf von mehr als 7.000 Funkmasten von Telefónica an die Deutsche Telekom. Das Mandat für den Baustofflieferanten Etex, den Kümmerlein beim Verkauf einer Tochtergesellschaft beriet, hat die Kanzlei Gisewskis alten Freshfields-Kontakten zu verdanken.

Die Transaktionen reichen zwar meist volumenmäßig nicht an die der Top-Sozietäten ran, sind aber nicht weniger anspruchsvoll und dauern in der Regel auch nicht so lange. „Manchmal ist es ganz angenehm, wenn eine Transaktion auch mal in ein bis zwei Monaten und nicht erst in einem Jahr abgeschlossen werden kann. So hat man schneller ein Erfolgserlebnis“, sagt Gisewski.

Durch die geringere Arbeitsbelastung hat Gisewski häufiger die Gelegenheit, das Wochenende oder den Feierabend mit anderen Dingen als Arbeit zu verplanen. Und das tut er. Mindestens einmal in der Woche steht jetzt wieder Fußball auf dem Plan – mit den neuen Kollegen bei Kümmerlein, aber auch mal mit dem alten Freshfields-Team. Selbst hier hat Gisewski noch Ambitionen. Wenn sein Fitnesslevel stimmt, würde er gerne wieder in seinem alten Jugendverein kicken. Vorausgesetzt, sie verzeihen ihm die Sache mit dem Fön.