Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Eva Flick

Ganz eigenes Geschäft: Junge Anwälte als Unternehmer

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Als junger Anwalt eigenes Geschäft aufzubauen ist nicht leicht. Aber nur mit neuen Mandanten geht die Karriere so richtig voran. Die Erfolgsrezepte der Profis in Frankfurt. Von Eva Flick (aus azur 2/2015)

Die Selbstständigkeit führte sie immerhin bis auf die andere Straßenseite. Vor drei Jahren kündigten sechs Associates von Hengeler Mueller in Frankfurt ihren Job, um noch mal bei null anzufangen. ‚Wendelstein‘ stand auf dem Kanzleischild, das sie an die Wand schraubten, dort auf der dritten Etage der Bockenheimer Landstraße 33.

Sie wollten ihre eigene Kanzlei, Unabhängigkeit, mehr Verantwortung. Unter der Fahne der renommierten Großkanzlei direkt gegenüber hatten die sechs Gründer jahrelang an wichtigen Transaktionen mitgearbeitet. Die Mandatsliste reichte von der Hypo Real Estate bei der Gründung der Bad Bank über die Refinanzierung des Optikunternehmens Carl Zeiss bis zum milliardenschweren Verkauf der Reederei Hapag Lloyd an Tui.

Gründer mit vielen Kontakten: Frank Fischer von Wendelstein.

Gründer mit vielen Kontakten: Frank Fischer von Wendelstein.

Solche Mandate sind für ihre Lebensläufe heute noch eine Zier – für den Aufbau eigenen Geschäfts nutzen sie nur bedingt. Weder die Hypo Real Estate noch Carl Zeiss oder Tui werden bei Deals dieser Größenordnung Wendelstein statt Hengeler mandatieren. Insofern ging es den sechs Gründern wie vielen, die jahrelang für eine Großkanzlei gearbeitet haben: Sie verfügten über viel Berufserfahrung, aber kaum Geschäft, das sich in eine neue Kanzlei mitnehmen ließe.

Bedingung für den Aufstieg

Fehlendes Geschäft ist keineswegs ein bloßer Schönheitsfehler in der Anwaltskarriere von Großkanzleiassociates. Denn wenn der Arbeitgeber keine Spezialistenlaufbahn als Counsel vorsieht und ein Up-or-out-Prinzip gilt, muss der Associate die Karriereleiter hochklettern, immer in Richtung Partnerschaft. Das heißt, er braucht eigene Mandanten – oder zumindest beste Unternehmenskontakte – um in die Riege der Partner aufgenommen zu werden.

Allerdings ist die Chance auf die Partnerschaft gerade bei Großkanzleien gering, bei mancher US-Kanzlei sogar verschwindend gering. Wer es versäumt hat, sich ein belastbares Netzwerk aufzubauen, mit dem sich in absehbarer Zeit Geld verdienen lässt, hat bei einem Kanzleiwechsel dann schlechte Karten. Schließlich will auch die neue Einheit mit einem Partnerzugang in ihren Reihen besser dastehen als vorher. Gleiches gilt für die vielen Ausgründungen von Associates aus Großkanzleien.

Bei den Wendelstein-Anwälten flossen die ersten Euros unter eigenem Label, weil Hengeler ihre langjährigen Associates weiterempfahl. Eine willkommene Anschubhilfe, die etliche Großkanzleien den in immer größere Zahl auftretenden Ausgründungen ihrer Associates in Düsseldorf, Hamburg und München mit auf den Weg geben. Außerdem hatten die Wendelsteins über die Jahre ein gutes Netzwerk an Kontakten geknüpft.

Systematische NetzwerkarbeitFrank Fischer, 42, einer der Gründer, spricht heute noch ganz wie der Ziehsohn seines alten Arbeitgebers, wenn er sagt: „Bei Hengeler lernt man schon früh, worauf es beim Aufbau des Geschäfts ankommt. Man ist nah am Mandanten und pflegt eine gute Mandatsbeziehung über die Jahre.“ Die Kontakte, die er in dieser Zeit aufgebaut hat, halten noch heute. Dabei sei es, betont er, besonders wichtig, sich in der eigenen Altersstufe zu orientieren, und zwar sowohl bei Unternehmen als auch bei anderen Kanzleien.

 

Netzwerker mit System: Luther-Partner Christoph Schauenburg.

Netzwerker mit System: Luther-Partner Christoph Schauenburg.

Diese systematische Art der Kontaktpflege betreibt auch Christoph Schauenburg, Partner bei Luther in Frankfurt. Der 40-jährige Bank- und Finanzrechtler begann nach seinem Studium bei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton in Frankfurt, und damit in einer US-Kanzlei, die zwar regelmäßig bei den weltweit größten Transaktionen mitmischt, aber selten von Deutschland aus die Federführung innehat. Die deutschen Anwälte sind Teil eines internationalen Teams in diesen Deals. „Man war häufig weiter weg vom Mandanten als bei rein deutschen Transaktionen.“ Und doch hat Schauenburg aus seiner Zeit im Frankfurter und Londoner Büro von Cleary Kapital geschlagen.

Sein Rezept scheint auf den ersten Blick simpel. „Man muss sich immer für die Menschen hinter dem Mandat interessieren“, rät er jüngeren Kollegen. Bei Cleary beispielsweise arbeitete er regelmäßig in Transaktionen gemeinsam mit den Juristen einer Bank, die im Markt berühmt-berüchtigt ist für ihre Hire-and-fire-Mentalität.

Wenn also wieder einmal der gleichaltrige Kontakt aus einem Mandat das Unternehmen verlassen hat, machte sich Schauenburg die Mühe herauszufinden, wohin es denjenigen verschlagen hatte. „Ich hab ihm dann eine Mail geschrieben und über Jahre Kontakt gehalten“, berichtet er. Auch diese Leute – damals auf der gleichen Karrierestufe wie Schauenburg als junger Associate – sitzen mittlerweile in verantwortungsvollen Unternehmenspositionen. „Die kontinuierliche Kontaktpflege kostet ein Quäntchen mehr Zeit, lohnt sich aber“, resümiert er.

Gezielte Mandanteninfos

Dieses sehr gezielte Selbstmarketing nutzt Schauenburg auch, wenn es darum geht, seine Einschätzungen zu Fachthemen zu platzieren. Klassische Veröffentlichungen in Fachmedien lehnt er persönlich allerdings ab, bezeichnet sich selbst eher als ‚unakademisch‘. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht zu Fachthemen äußert. Im Gegenteil. „Wenn ich zum Beispiel lese, dass die EZB eine neue Rechtsauffassung vertritt, schreibe ich zu dem Thema eine kurze Zusammenfassung, nichts Umfangreiches, 20 bis 30 Zeilen, und schicke das an einen ausgewählten Empfängerkreis.“ Das Gegenteil des Gießkannenprinzips nennt er das. „So bleibt man im Gedächtnis, und irgendwann kommt dadurch ein Mandat zustande.“

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