Magazin-Artikel
20.10.2015 | Autor/in: Markus Lembeck

Der Bauchmensch: Max Wittrock, Gründer von mymuesli

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 2/2015

Max Wittrock beendete seine Juristenlaufbahn und feierte mit seinem Unternehmen mymuesli vom Fleck weg Erfolge. Dass es auf die richtige Mischung ankommt, gilt nicht nur für Frühstücksflocken, sondern auch für sein Team. Von Katja Gersemann (aus azur 2/2015)

Max Wittrock

Max Wittrock

Das Unternehmen mymuesli sei ja „nur ein kleiner Mittelständler aus Passau“. Es aufzubauen habe Teamwork, Teamwork, Teamwork gebraucht – einen Gründer alleine herauszustellen, ergebe deswegen gar keinen Sinn. Wenn Max Wittrock über sich und sein Unternehmen spricht, wirkt es fast so, als wolle er unter jede Auskunft eine einschränkende Fußnote einbauen. Als müsse er sich und das, was er und seine Mitgründer Philipp Kraiss und Hubertus Bessau in den vergangenen acht Jahren aufgebaut haben, immer wieder erden: das rasante Wachstum des Müsliversenders im Internet, der Aufbau von Ladenlokalen in ganz Deutschland, die Expansion ins Ausland.

Vielleicht liegt es an den Erfahrungen aus der Anfangszeit. 2007 und 2008, als skeptische Beobachter noch zweifelten, ob das Geschäft die nächste Preisverleihung überleben würde. Auszeichnungen prasselten reihenweise auf die Gründer nieder. Doch die Frage, ob es auf dem deutschen Markt auf Dauer genügend Abnehmer für maßgeschneiderte Müslis geben würden, blieb zunächst unbeantwortet.

„Unbeschwert Ideen ausprobieren“

„Insgesamt hätte es nicht besser laufen können“, sagt Wittrock. Das Timing sei optimal gewesen. „Wenn man schuldenfrei aus dem Studium rausgeht und noch keine Kinder oder andere Verpflichtungen hat, ist das die perfekte Ausgangslage“, sagt der 33-jährige Jurist heute. „Wann sonst kann man unbeschwert Ideen ausprobieren?“ Hinzu kommt aus Wittrocks Sicht, dass sich die drei Gründer perfekt ergänzen: Die Betriebswirte Kraiss und Bessau sind Zahlenmenschen, und Wittrock, der Bauchmensch, kümmert sich um Marketing und das Personal.

Die spezielle Mischung führte zum Erfolg – verallgemeinern lassen sich seine Erfahrungen deshalb aber nicht, glaubt Wittrock, der das Erste Staatsexamen in Passau absolviert hat. Schon gar nicht taugten sie als Blaupause für frustrierte Jurastudenten. „Mal schnell ein Start-up gründen – das ist sicherlich keine sinnvolle Exit-Strategie für ein verkorkstes Studium“, sagt Wittrock.

Bei seinem Schwenk in die Unternehmerwelt ging es ihm nicht darum, Jura hinter sich zu lassen. Im Alltag nutzt er sein Wissen. „Ich bin froh, dass ich mich noch immer mit dem Recht beschäftigen darf – weil es mich immer noch interessiert“, sagt er. „Aber man muss ehrlicherweise sagen: Ich wäre auch nicht unbedingt der Jurist geworden, der die Jurawelt zu neuen Ufern geführt hätte.“

„Im Idealfall ist man Jessica“

Vielleicht hat Wittrock bei dieser Einschätzung eine seiner Lieblingsserien im Hinterkopf: „Suits“, die Story über einen unterkühlten smarten Top-Wirtschaftsanwalt aus Amerika, seinen brillanten, aber unerfahrenen Gehilfen und deren blitzgescheite und souveräne Chefin. „Jeder will ein bisschen Harvey sein, jeder ein bisschen Mike“, sagt Wittrock über die Protagonisten. „Im Idealfall ist man Jessica.“

Bei mymuesli beschäftigen Wittrock nicht High-End-Deals wie in der US-Serie oder waghalsige Venture-Capital-Deals wie bei anderen Start-ups. „Wir sind mittlerweile eher ein Mittelständler und haben die entsprechenden Themen“, sagt Wittrock. Es geht um die Vereinheitlichung von Mietverträgen, Steuerfragen oder Arbeitsrecht. Ohne Kanzleien sei es aber in einem Unternehmen überhaupt nicht zu schaffen. Oft kämen zwar Jura-Basics zur Anwendung. „Bei vielen Themen ist man aber völlig unbeleckt. Etwa bei komplexen lebensmittelrechtlichen Themen oder beim gewerblichen Mietrecht.“

„Keine wahnwitzigen Prognosen“

Wittrock musste das Unternehmersein von Grund auf lernen. Seine Mutter ist Lehrerin und zog ihn alleine auf. Die Zeit mit mymuesli sieht er als Crashkurs in der „University of Life“, in jeder Hinsicht: „Zwischendurch hat man mal Angst, dass die steile Lernkurve abflacht. Aber dann kommt wieder etwas Neues.“ Im Berliner Stadtteil Kreuzberg haben die drei eine Industrieetage in einem Hinterhof am angesagten Paul-Lincke-Ufer bezogen – das zweiten Büro in Deutschland neben dem im beschaulichen Passau.

Auch so ein Expansion, die in den Anfangstagen undenkbar erschien, wie so vieles. „Wir hatten am Anfang keine klare Prognose. Natürlich hatten wir kalkuliert und uns um Prozesse und Logistik Gedanken gemacht. Ein Businessplan besteht zum Teil aber ja auch immer aus wahnwitzigen Prognosen – den Teil haben wir einfach weggelassen“, sagt Wittrock, der heute mit Frau und Sohn in Kreuzberg lebt und regelmäßig nach Passau pendelt.

Überhaupt läuft so manches anders als bei vielen anderen Start-ups. Eine Nische suchen, die gerade angesagt ist, um den Laden möglichst schnell zu einem hohen Preis an einen Internetgiganten abzustoßen – das war nie das Ziel von Wittrock und seinen Kompagnons. „Man gründet kein Müsli-Unternehmen, wenn man in zwei Jahren verkaufen will“, sagt Wittrock. Dazu sei das Geschäftsmodell dann doch zu speziell.