Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Christina Geimer

„Zum BGH zu kommen, ist nicht planbar“: Die BGH-Präsidentin im Interview

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Seit knapp einem Jahr ist Bettina Limperg Präsidentin des Bundesgerichtshofes (BGH). Mit azur sprach sie über den Berufsalltag, Ausbildung und Karrierewege bei Gericht und in Ministerien. Das Gespräch führten Christina Geimer und Ulrike Barth. Aus azur 1/2015.

azur: Frau Limperg, warum ist das Richteramt attraktiv?

Bettina Limperg: Für mich war und ist das Faszinierende am Richterberuf, dass der Richter unabhängig entscheidet. Er oder sie muss sich nicht an den Interessen eines Auftraggebers ausrichten. Es ist eine Grundfrage, die man sich als junge Juristin, als junger Jurist stellen muss: Neige ich dem Beruf des Anwalts oder Unternehmensjuristen zu, dessen Aufgabe vor allem darin besteht, den Standpunkt seiner Partei durchzusetzen? Oder möchte ich eher als Richter für einen Ausgleich gegensätzlicher Interessen sorgen?

Junge Juristen wünschen sich häufig eine gute Work-Life-Balance. Ist es nur ein Vorurteil, dass das Richteramt die familienfreundliche Alternative zur Kanzlei ist?

Bettina Limperg: "BGH-Richter zu werden, ist die Krönung einer juristischen Laufbahn.Viel weiter geht es nicht."

Bettina Limperg: „BGH-Richter zu werden, ist die Krönung einer juristischen Laufbahn.Viel weiter geht es nicht.“

Das ist eher eine Verklärung des Richterberufes. Richter müssen sehr viel arbeiten. Sie setzen durchaus an Wochenenden und am Abend freie Zeit ein, um mit ihrem Pensum zurechtzukommen. Die Justiz hat sich aber gerade in den vergangenen Jahren angestrengt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Ich denke, dass diese Bemühungen Wirkung zeigen. Wir hören von den Länderjustizen immer häufiger bei Einstellungen, dass Bewerber die Un-abhängigkeit, aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten des Amtes reizvoll finden. Sicherlich wird auch registriert, dass es Möglichkeiten der Teilzeit gibt. Solche Modelle sind in Kanzleien schwieriger zu organisieren.

Sie haben sicherlich keinen Teilzeitjob. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag konkret aus, wenn Sie im BGH sind?

Nein, einen Teilzeitjob habe ich nicht. Das Präsidentenamt ist vor allem durch die Vielfalt der Anforderungen geprägt. Ich bin Vorsitzende mehrerer Senate: des Anwaltssenates sowie des Kartellsenates. Das ist traditionell der Präsidentensenat. Ich bin Vorsitzende der Großen Senate für Strafsachen und Zivilsachen sowie der vereinigten Großen Senate und Mitglied des gemeinsamen Senats der Obersten Gerichtshöfe. Diese Aufgaben bestehen nicht nur in der Theorie, sondern sind mit konkret zu entscheidenden Fällen verbunden. Das alles ist für sich schon arbeitsintensiv. Dazu kommen die Leitung der Verwaltung des Hauses mit über 400 Mitarbeitern und repräsentative Aufgaben. Der Bundesgerichtshof pflegt zudem internationale Kontakte zu einer ganzen Reihe europäischer und außereuropäischer Länder. Es gibt ein Netzwerk der europäischen Gerichtspräsidenten, dem ich angehöre. Ferner stehe ich in regem Austausch mit dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, zu dessen Geschäftsbereich der Bundesgerichtshof gehört. -Außerdem bringt sich der Bundesgerichtshof auch in aktuelle Reformbestrebungen der Bundesregierung und des Bundestags ein. Es ist also immer genug zu tun.

Sie sind nun seit knapp neun Monaten Präsidentin des Bundesgerichtshofes, nachdem Sie zuvor Amtschefin des Justizministeriums in Baden-Württemberg waren. Pflegen Sie einen besonderen Führungsstil?

Es gibt verschiedene Wege erfolgreicher Führung. Für mich ist vor allem Kommunikation ein besonders erfolgversprechendes Moment. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Einbindung in die Entscheidungsfindung immer ein wichtiger Schritt ist. Vielfach bekommt man dadurch auch Anregungen für das weitere Vorgehen. Gelegentlich muss man Verständnis wecken für Verwaltungszwänge, die auch in der Justiz bestehen. Aus meiner Sicht ist der nachhaltigste Weg: erklären, kommunizieren, gemeinsam nach Lösungen suchen. Dann stoßen Entscheidungen in der Regel auch auf dauerhafte Akzeptanz.

Der BGH gilt als eine Welt der stillen Geistesarbeiter. Muss ein Richter trotzdem auch in der Öffentlichkeit stehen, um erfolgreich zu sein?

Ein Richter, der zum BGH kommt, ist in seinem Leben schon erfolgreich gewesen. Um am BGH Erfolg zu haben, muss man weder in der Öffentlichkeit stehen, noch ist das umgekehrt ein Ausschlussgrund. Es ist wichtig, dass BGH-Richter mittels Fortbildungen oder Vorträgen über die konkrete Fallentscheidung hinaus ihr Wissen weitergeben. Die Kollegen nehmen diese Möglichkeiten wahr, etwa im Rahmen der Richterakademie. Eine gewisse Arbeit für die Fachöffentlichkeit ist durchaus erwünscht und richtig. Da die Zuständigkeit der Strafsenate des BGH im Wesentlichen nach Gerichtsbezirken geordnet ist, stellen diese aktuelle Entwicklungen der Rechtsprechung auch oftmals direkt vor Ort bei Besuchen „ihrer“ Instanzgerichte vor.

Teil 2: Die wichtigsten Qualifikationen

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