Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Marc Chmielewski

Vater unser: Kartellrechtler Ingo Brinker im Porträt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ingo Brinker gehört seit Jahren zu den renommiertesten ­Kartellrechtlern und leitet eine der größten Praxisgruppen des Landes. Sein Geheimnis? Er ist leidenschaftlicher Familienmensch – und auch seine Kanzlei sieht er als Familie. Von Marc Chmielewski (aus azur 1/2015)

Eigentlich müsste es viele Menschen geben, die auf Ingo Brinker nicht gut zu sprechen sind. Denn in seinem Job als Kartellrechtschef bei Gleiss Lutz bleibt es nicht aus, dass er andere um zig Millionen Euro erleichtert – Kartellanten etwa, die er als Vertreter des Kronzeugen so gründlich wie möglich bei den Behörden anschwärzt. Oder Unternehmen, die sich wirtschaftlich viel von einer Fusion versprechen, aber von Brinker im Namen eines Konkurrenten Steine in den Weg gelegt bekommen. Dennoch betonen selbst ehemalige Gegner häufig, wie ausnehmend freundlich dieser Mann ist. Niemandem ist ein böses Wort zu entlocken.

Anwalt aus Leidenschaft

Das hat mehrere Gründe. Erstens: Sportsgeist. Gäbe es im Kartellrecht eine Bundesliga, wäre Gleiss Stammgast auf den Champions-League-Rängen. Das bedeutet in der Regel: Auf beiden Seiten des Platzes stehen Profis, die das Beste für ihren Mandanten herausholen wollen. Jeder spielt seine Rolle leidenschaftlich, aber es ist eben nur das – eine Rolle.

Probleme ernst nehmen: Ingo Brinker von Gleiss Lutz.

Probleme ernst nehmen: Ingo Brinker von Gleiss Lutz.

Was auf dem Platz geschieht, also beim Kartellamt oder vor Gericht, nimmt Brinker nicht persönlich. In seinen Augen kann jemand ein Rivale sein, mit dem er erbittert kämpft, und gleichzeitig ein netter Mensch, mit dem er gern beim Abendessen fachsimpelt. Brinker macht das öfters. „Obwohl wir Kartellrechtler manchmal heftig konkurrieren, haben wir im Ganzen ein angenehmes Verhältnis zueinander.“ Über die Studienvereinigung Kartellrecht kennt jeder jeden. Im Vorstand sitzt Brinker neben Stars anderer Champions-League-Vereine wie etwa Freshfields Bruckhaus Deringer oder Hengeler Mueller.

Zweitens: Diplomatie. Brinker ist ebenso Diplomat wie Anwalt, auch das macht ihn zu einem angenehmen Gegenüber. Seit fast 15 Jahren leitet er die Kartellrechtspraxis von Gleiss Lutz, die heute aus rund 50 Anwälten besteht – und ebenso vielen großen Egos. Da ist der Chef weniger Vorturner als Politiker, Tröster und Dompteur. „Meine Rolle besteht darin, Probleme aufzunehmen und ernst zu nehmen“, sagt Brinker. „Ich muss mit dem ältesten Partner genauso wie mit dem allerjüngsten Mitarbeiter völlig vertrauensvoll sprechen können.“

Offen und ehrlich

Und zwar auch dann, wenn es unangenehm wird. Wenn es etwa nicht klappt mit der Ernennung zum Partner. „Ich bin es den Leuten schuldig, offen und ehrlich mit ihnen umzugehen – möglichst so, dass jeder sein Gesicht wahrt.“ Kann man das lernen, oder hat man das einfach? „Was man mitbringen muss, sind Neugier und Offenheit“, sagt Brinker, und: „Es hilft, eine Familie zu haben. Ich bin mit großer Leidenschaft Vater von vier Töchtern. Und letztlich ist eine Kanzlei nichts anderes als eine große Familie.“

Mit seiner Moderationsgabe könnte er auch an der Schule etwas bewegen, doch das war keine Option: „Ich bin literaturbegeistert und hatte überlegt, Germanistik zu studieren – allerdings sah ich mich nicht als Lehrer.“ Also Jura. Doch auch in seinem Leben als Anwalt hat die Literatur ihren Platz – und zwar im Auto. Brinkers Hörbuch­geschmack ist vielseitig, zuletzt lauschte er Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ und Kurt Mareks Archäologie-Klassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“. Spielzeit zusammen: mehr als 50 Stunden. Brinker ist viel unterwegs.

Bei Noerr erzählen sie gern die Geschichte, wie Gleiss einmal als JUVE Kanzlei des Jahres im Kartellrecht ausgezeichnet wurde – und Brinker den Konkurrenten gesagt habe, er sei ganz überrascht, dass nicht Noerr gewonnen habe. Zwar erinnert sich Brinker an sein Trostwort ein bisschen anders. Noerr hätte den Preis demnach auch verdient. Ungesagt blieb: Gleiss natürlich sowieso. Doch zeigt sich hier der vielleicht wichtigste Grund, warum viele Brinkers Freundlichkeit loben: Sie kommt bisweilen zum Vorschein, wo niemand sie erwartet. –