Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Parissa Kerkhoff

Nichts Halbes und nichts Ganzes: Die Counsel-Position in Kanzleien

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Die Partnerschaft hat längst nicht mehr oberste Priorität für junge Juristen. Bietet der Counsel eine dauerhafte ­Lösung? Der Zwitter-Status stößt vielerorts weder bei Associates noch bei Arbeitgebern auf große Gegenliebe. Von Parissa Kerkhoff (aus azur 1/2015)

Davon, dass auf seiner Visitenkarte einmal „Partner“ steht, hat Dr. Daniel Zimmer nie geträumt. Aber ihm war früh klar, mit welchen Themen er sich beschäftigen will. „Ich habe im sechsten Semester schon gewusst, dass ich im Kartellrecht beraten will“, sagt er. Er richtete sein Referendariat und seine Dissertation auf das Fachgebiet aus und fing 2008 bei Hengeler Mueller in Düsseldorf an. „Nach vier Jahren kam mein erster Sohn zur Welt. Dann habe ich angefangen zu überlegen, wie ich auf hohem Niveau arbeiten und mich fachlich fokussieren kann, aber zugleich Freiraum für die Familie habe“, so Zimmer.

Hohes fachliches Niveau und zugleich Zeit für die Familie: Hengeler Mueller-Counsel Daniel Zimmer.

Hohes fachliches Niveau und zugleich Zeit für die Familie: Hengeler Mueller-Counsel Daniel Zimmer.

2014 kommt der zweite Sohn. Die Zeit mit seiner Familie ist Zimmer letztlich wichtiger als Partner zu werden. Die Alternative, als Counsel bei Hengeler dauerhaft in seinem Fachgebiet zu arbeiten, ist für ihn daher eine Ideal­lösung.

Der 39-Jährige steht mit dieser Einstellung für eine neue Generation, die ihre Prioritäten ganz anders als ihre Vorgänger setzt – die sogenannte Generation Y. Ihre Vertreter sind inzwischen in der Arbeitswelt der Kanzleien angekommen. Sie wollen mehr Freiraum für ihr Privatleben, wie Zimmer beispielsweise für die Familie. Oder aber sie arbeiten juristisch hervorragend, möchten aber nicht die unternehmerische Verantwortung als Partner tragen.

Die Vollpartnerschaft in einer Kanzlei streben laut der aktuellen azur-Associateumfrage gerade einmal 15,6 Prozent der in deutschen Wirtschaftskanzleien tätigen Associates als oberstes Karriereziel an. Das hat nicht nur mit Nicht-Wollen zu tun: Viele von ihnen glauben nicht mehr an den Aufstieg in den höchsten Führungskreis, weil vor allem die Großkanzleien seit einigen Jahren vorleben, dass nur noch sehr wenige Associates überhaupt dorthin gelangen.

Counsel sind im Trend

Mitunter rechtfertigt das geringe geschäftliche Volumen einiger Beratungsbereiche keine Partnerposition, die Großkanzleien müssen diesen Bereich aber dennoch anbieten. Auch deshalb nutzen sehr viele Kanzleien wie Freshfields Bruckhaus Deringer, Linklaters und Noerr mittlerweile den Counsel-Status. CMS Hasche Sigle beschäftigt mit 80 Counsel die meisten Counsel, bei Dentons machen die Counsel ein Viertel aller Berufsträger aus. Hogan Lovells hat in den vergangenen Jahren sogar mehr Counsel als Partner ernannt.

Für den Counsel-Status gibt es seitens der Kanzleien vor allem handfeste finanzielle Argumente. Schließlich sind Counsel erfahren, aber nicht so teuer wie Partner. Das kommt gut an bei Mandanten. Der Einsatz von Counseln lohnt sich für die Kanzleien allerdings nur, wenn diese gut ausgelastet sind, Teams führen und inhaltlich viel Verantwortung in Mandaten übernehmen.

Dabei gibt es keinen Status, mit dem die Kanzleien so unterschiedlich umgehen wie mit dem Counsel (Vielfalt auf der Karriereleiter) – doch eines eint die Sozietäten: Sie wollen ihren hoch qualifizierten Mitarbeitern eine langfristige Perspektive bieten. Sei es, um Arbeits- und Privatleben besser miteinander zu verbinden oder um dem Umsatz- und Akquisedruck der Partnerschaft zu entgehen. Manche nutzen den Counsel-Status auch, um junge Talente zu parken, die vielleicht in einigen Jahren in die Partnerschaft hineinwachsen können. Einige Kanzleien binden ihre Counsel mit Zwei- oder Vierjahres-Verträgen. Dadurch ziehen sie die Up-or-out-Entscheidung in die Länge. Dem Image des Counsel schadet dies allerdings eher.

Die unterschiedlichen Erwartungen an die Position prallen immer wieder hart aufeinander. Manch ein Counsel will mehr Zeit für sein Privat­leben, sieht sich aber mit hohen Umsatzanforderungen konfrontiert. Andere wollen eine Partnerposition und keinen Parkplatz. Entsprechend sind Wechsel von Großkanzlei-Counsel in kleinere Einheiten, wo sie schließlich schneller Partner werden, an der Tagesordnung. Sie sprechen nicht gerade für eine hohe Akzeptanz des ­Modells. Am Ende hängt die Zufriedenheit der Counsel von mehreren Punkten ab: Wie definiert die Kanzlei die Erwartungen an ihre Counsel? Wie motiviert sie sie? Und wie sorgt sie für deren Wertschätzung innerhalb Belegschaft?

Counsel auf dem Partnertrack?

Hengeler scheint hier erfolgreich zu sein, Counsel verlassen die Kanzlei eher selten. Bislang ist allerdings noch kein Counsel auf den Partnertrack gewechselt, was prinzipiell möglich wäre. Der Kanzlei wird nachgesagt, das Counsel-Modell sehr konsequent und vorbildlich umgesetzt zu haben.

Der Schreibtisch von Hengeler-Counsel Daniel Zimmer ist deutlich schmaler als der des Kartellrechtspartners ­nebenan. Er ähnelt eher dem Schreibtisch aus seiner Associatezeit, allerdings arbeitet Zimmer inzwischen viel eigenständiger. Er delegiert innerhalb seines Teams Aufgaben an Associates, übernimmt die Mandatsführung und publiziert unter dem Kanzleinamen. All das dürfen Hengeler-Associates nicht.

Zimmer führt derzeit Beschwerdeverfahren vor dem Oberlandesgericht. Demnächst geht er sogar mit einem Associate auf Akquisetour durch Deutschland. „Als Counsel kann ich mich aber auch ausklinken und mit meinen Söhnen auf die Weihnachtsfeier der Kita gehen“, erklärt Zimmer. Das gilt natürlich nur, wenn die Arbeit es zulässt. „Ich mache kein Jura mit angezogener Handbremse“, so Zimmer.

Im Vergleich: Partner sind fachlich breiter aufgestellt und müssen unternehmerisch arbeiten. Sie übernehmen Verwaltungsaufgaben, und ist ihr Fachgebiet einmal weniger gefragt, müssen sie sich auf  Bereiche umstellen. Andererseits müssen Counsel damit klarkommen, dass Anwälte, die durchaus jünger sein können als sie, als Partner Erfolg haben.

An Wertschätzung und Motivation mangelt es Zimmer nach eigener Aussage nicht: „Ich fühle mich bei Hengeler nicht als B-Ware.“ Sein Weg in die Counselschaft, so Zimmer, sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen. „Es sollte meines Erachtens gerade nicht so laufen, dass man sich in den Status hineingedrängt fühlt, weil man es nicht zur Partnerschaft geschafft hat.“

Fallstricke

Anders als Zimmer entschied sich Andreas Thun nicht wegen seines Privatlebens für den Counsel-Status. „Ich bin im Marketing und in der Akquise einfach nicht so gut wie in der juristischen Arbeit“, erzählt der 47-jährige Counsel von Hogan Lovells. „Ich bin daher froh, dass ich im Marketing eine geringere unternehmerische Verantwortung habe.“ Thun ist schon seit 2005 Counsel und in seiner Kanzlei fachlich hoch angesehen. Er arbeitet in der Praxisgruppe M&A und Gesellschaftsrecht. „Partner arbeiten auch unterschiedlich viel, aber dass ich generell weniger arbeite als die Partner, würde ich nicht sagen.“ So ist Thun durchaus auch mal am Wochenende eingespannt. Ähnlich wie bei Hengeler ist auch bei Hogan Lovells der Bonus ein wichtiger Teil des Gehalts. Bei älteren Counsel kann der variable Gehaltsanteil bis zu 40 Prozent ausmachen.

Teil 2: Hohe Auslastung

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