Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Markus Lembeck

Meister der letzten Mittel: Die Verteidiger von Unternehmensbossen

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Auch deutschlandweit bekannte Strafverteidiger haben klein angefangen. Heute stehen sie an der Seite von Vorstandsvorsitzenden, zu Beginn der Karriere verteidigten sie nicht selten Betrüger und Mörder. Von Christina Geimer (aus azur 1/2015)

Ihre Karriere begann mit einem Mord. Bis heute sorgt der Fall für Schlagzeilen, bei dem Dr. Hellen Schilling als Referendarin nah dran war: Der Jurastudent Magnus Gäfgen entführte und tötete 2003 den elfjährigen Bankiersohn Jakob von Metzler. Das Aufsehenerregende: Um das Opfer schnell zu finden, drohte die Polizei ­Gäfgen mit Folter. Das Gericht erkannte daher viele Beweise nicht an. „Das ist ein Fall, der das Verbot, Beweise zu verwenden, die auf rechtsstaatswidrige Weise zustande gekommen sind, auf die Spitze treibt“, sagt Schilling. „Der Rechtsstaat muss beweisen, dass er Rechtsstaat ist.“

Mit dem Thema kennt Schilling sich aus, sie schrieb darüber ihre Promotion. Nach fast zehn Jahren als Strafverteidigerin ist sie mit Eberhard Kempf, der damals die Eltern des Opfers vertrat, weiterhin verbunden. Nimmt die 41-Jährige heute neben Kempf im Gericht Platz, vertreten sie aber nicht mehr Mörder, sondern Schwer­gewichte der deutschen Wirtschaft. Zum Beispiel den ehemaligen Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, der sich in München wegen des Vorwurfs des versuchten Prozessbetruges im Streit um Schadensersatz mit Leo Kirch verantworten muss.

Viel beachtet: Wichtige Wirtschaftsprozesse der letzten Jahre

LAUFENDE VERFAHREN
■ Schadensersatzprozess Deutsche Bank gegen Leo Kirch / Versuchter Prozessbetrug
■ Gescheiterte Übernahme von VW durch Porsche / Verdacht auf Beihilfe zur Marktmanipulation
■ Sal. Oppenheim / Untreue
■ Loveparade-Unglück / fahrlässige Tötung
■ Einsturz Kölner Stadtarchiv / fahrlässige Tötung, Protokollfälschungen und Unterschlagung

BEENDETE VERFAHREN
■ LBBW-Strafprozess / schwere Untreue / 2014
■ Uli Hoeneß  wegen Steuerhinterziehung / 2014
■ Schmiergeld-Affäre bei Siemens / Untreue / 2014

Auch wenn Schillings Arbeit heute nichts mehr mit Mord und Totschlag zu tun hat, schwingen auch in großen Wirtschaftsstrafsachen existenzielle Ängste mit. „Die Mandanten kommen nur, wenn sie wirklich müssen, zum Beispiel bei der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens“, ­beschreibt Schilling den Erstkontakt schlicht. „Unsere Mandanten sind es als CEO, CFO oder Geschäftsführer gewohnt, die Zügel in der Hand zu halten. Ein Strafverfahren macht vielen sehr zu schaffen. Es ist ein Vorwurf, der jeden als Person trifft.“ Die Ermittlungen entziehen den Managern die Kontrolle. Die Verfahren ziehen sich zum Teil lange hin. „Ich muss den Mandanten beibringen, sich in Geduld zu üben“, beschreibt Schilling eine Herausforderung jenseits von Jura.

Geduld in langen Verfahren: Hellen Schilling von Kempf & Dannenfeldt

Geduld in langen Verfahren: Hellen Schilling von Kempf & Dannenfeldt

Fingerspitzengefühl muss sie auch beweisen, wenn sie den Sachverhalt ermittelt. Denn im Alltag trifft sie auf unterschiedliche Typen. Die eher Vorsichtigen erzählen auch ihrem Anwalt nicht sofort die ganze Wahrheit. „Es ist an mir, die richtigen Fragen zu stellen. Ich kann aber nur so gut verteidigen, wie der Mandant mich informiert“, so Schilling. Tatsächlich bekommt die Anwältin viel Persönliches mit, denn ein Strafverfahren trifft den Angeklagten nicht nur in seiner beruflichen Funktion, sondern auch als Mensch.

Erfahrung ist gefragt

Daher vertrauen erfolgreiche Manager gerne auf erfahrene Strafverteidiger. Schließlich entscheidet der Ausgang eines Strafverfahrens nicht selten über ihre Karriere. Hinzu kommen unter Umständen eine empfindliche Geldstrafe und im schlimmsten Fall gar das Gefängnis. Um sich fachlich und persönlich zu einer Verteidigerin für die großen Wirtschaftsstrafverfahren zu ent­wickeln, musste nicht nur Schilling zehn Jahre Erfahrung sammeln. Auch einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands, Hanns Feigen, brauchte eine Dekade. Als er 1983 seine Karriere bei Redeker Sellner Dahs in Bonn begann, musste er erst einmal schlucken. „Hans Dahs hat mir gesagt, dass ich in zehn Jahren soweit sei. Ich dachte damals – wie lang. Aber jeder braucht diese Zeit“, resümiert er heute.

Dabei spielte bis in die 1990er-Jahre das Wirtschaftsstrafrecht eine untergeordnete Rolle. ­Feigen verteidigte Schläger und Mörder, aber noch häufiger betrunkene Autofahrer. Heute vertritt er Manager wie den Co-Vorsitzenden des Vorstandes des Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, wegen des Vorwurfs des versuchten Prozess­betrugs vor dem Landgericht München. „Bei der Strafverteidigung ist es wie beim Autofahren. Man sollte sich nicht direkt nach dem Führerschein einen Porsche kaufen, sondern sich langsam ent­wickeln“, sagt der 66-Jährige. „In der Ausbildung sind überschaubare Fälle ideal.“

Digitale Aktenberge

Hunderte von Ordnern füllen dagegen die ­Akten von Fällen wie dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Solche Aktenberge türmen sich nicht nur in Feigens Büro, sondern auch bei ­anderen Strafrechtskanzleien – zunehmend auch digital. Berufseinsteiger können sich aber wegen des Umfangs der Akten oft nur schwer einen Überblick verschaffen. Daher lernen junge Anwälte zunächst an Detailfragen großer Fälle.

Riesige Aktenberge zu strukturieren und durchzuarbeiten, gehört zum Alltag von Strafverteidigern. „Unsere Schriftsätze sind mitunter sehr lang und haben teils viele Fußnoten. Die Arbeit an Schriftsätzen ist eher akademisch“, erklärt Hellen Schilling, während sie ihren Lamy-Füller zwischen den Fingern dreht. Der wissenschaftliche Stil prägt nicht nur Schillings Arbeit. Die Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen ist für Top-Wirtschaftsstrafrechtler wie sie Teil ­ihres täglichen Geschäfts. Der Klassiker: Was ist Untreue?

Teil 2: Berufseinsteiger brauchen langen Atem

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