Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Eva Flick

JUVE Insider: Machos in Großkanzleien?

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern ist in männer­dominierten Kanzleien groß. Das kann sexuelle Übergriffe fördern. Von Eva Flick mit Ulrike Barth und Jörn Poppelbaum (aus azur 1/2015).

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen ehemaligen Linklaters-Partner. Linklaters handelte, dennoch wirft der Fall die Frage auf, ob Kanzleien angemessen auf Fälle ­sexueller Belästigung am Arbeitsplatz reagieren.

Kurz vor Weihnachten brodelte die Gerüchteküche im Internet auf Höchststufe. In verschiedenen Foren spekulierten die User über das, was auf einer Veranstaltung im Rahmen des Oktoberfestes bei Link­laters geschehen sein sollte. Zwei Partner hätten sich dort geprügelt, war zu lesen, ein Partner habe zu nah an einer Frau gestanden. Die Spekulationen schossen ins Kraut. Von Machos in Großkanzleien war zu lesen bis hin zu Mutmaßungen über den genauen Hergang, garniert mit Fotos von betrunkenen Wiesn-Besuchern. Bei Linklaters? Einem der beliebtesten Arbeitgeber der azur100-Liste? Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte sie sich einen neuen Kurs verordnet. 30 Prozent ihrer Managementpositionen und neuer Partnerstellen will sie bis 2018 mit Frauen besetzen.

Was aber war wirklich auf dem Oktoberfest passiert? Fest steht, dass es die Anwälte und Mitarbeiter des Münchner Büros ­in einem Restaurant ordentlich krachen ließen. Über den weiteren Verlauf des Abends kursieren verschiedene Versionen. Unstrittig ist, dass der langjährige Partner Laurenz S. zu später Stunde nach draußen gegangen ist. Dort soll er eine studentische Hilfskraft der Kanzlei getroffen habe. Diese habe geweint, eine andere Studentin habe sie getröstet. Ein Linklaters-Partner habe sie massiv bedrängt, soll sie S. erzählt haben.

Als jener schließlich dazukam und sich in die Diskussion einschaltete, verlor Laurenz S. im Wortgefecht mit seinem Partner die Fassung und schlug mehrere Male zu. Knochenbrüche waren die Folge.

Noch am selben Tag informierte Laurenz S. den Linklaters-Senior-Partner, der unmittelbar eine kanzleiinterne Untersuchungskommission einsetzte. Diese spricht in den nächsten vier Wochen mit allen ­Beteiligten und versucht, die Geschehnisse des Abends zu rekonstruieren. Der betroffenen Studentin bietet die Kanzlei eine Freistellung sowie juristische und psychologische Hilfe an.

Die erste Konsequenz folgt auf den Fuß: Das internationale Link­laters-Management in London beschließt, dass der fragliche Partner, der schon mehrere Jahre Personalverantwortung trug, die Kanzlei mit sofortiger Wirkung verlassen muss. Publik wird sein Ausscheiden erst Mitte November. Im Internet wird derweil schon eifrig über den Vorgang spekuliert. Offiziell erklärt der Partner: Er wolle eine Auszeit nehmen, sich privaten Dingen widmen. Linklaters schweigt eisern zu den Gründen seines Ausscheidens.

Ermittlungen laufen

Auch Laurenz S. muss Konsequenzen tragen. Er verlässt die Kanzlei ebenfalls, was im Dezember offiziell wird. Linklaters kommentiert diesen Weggang wieder nicht. Doch ausgestanden ist das Ganze noch lange nicht. Denn S. wird aktiv und erstattet Anzeige gegen besagten Partner. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft München I. Jetzt ist der Berichterstattung der Wirtschafts- und Boulevardpresse über den Vorgang Tür und Tor geöffnet.

Linklaters reagiert öffentlich und bestätigt, dass es ­einen Zwischenfall auf einer Feier in München gegeben hätte. Es seien „schwere Beschuldigungen über das Verhalten zweier Partner“ erhoben worden, erklärt ein Sprecher. Die Kanzlei habe den Vorfall gründlich untersucht und werde weiterhin­ ­alles tun, um die betroffene Studentin zu unterstützen, heißt es weiter.

Kein Einzelfall

Ein Einzelfall mit zwei außer Kon­trolle geratenen Partnern? Nein. Sicher gab es hier auf verschiedenen Seiten extreme Verhaltensweisen, die weder in Unternehmen noch in Anwaltskanzleien an der Tages­ordnung sind. Dennoch sind partnerschaftlich geführte Organisationen anfälliger für menschliches Fehl­verhalten als andere Organisationsformen. Und sie sind häufig schwer­fälliger in der Aufbereitung grenzwertiger Verhaltensweisen.

Denn in der Organisationsform Partnerschaft kann leichter eine ­Atmosphäre entstehen, in der Fehlverhalten toleriert wird. „Menschen streben nach Homosozietäten, einer möglichst gleichförmigen Gruppe“, erklärt Marion Knaths, Inhaberin des auf Führungsrollen von Frauen spezialisierten Beratungshauses SheBoss. „Männer können Männer besser einschätzen.“ Frauen zu führen, sei für sie schwieriger.
„Für Frauen ist vor allem das Machtgefälle in Kanzleien ein Pro­blem“, sagt Knaths. In der Partnerschaft sind die Männer in der Überzahl. Je weniger Frauen dort als Korrektiv auf das Verhalten ihrer männlichen Kollegen einwirken können, desto größer ist die Gefahr, dass sich eine Boyhood-Mentalität durchsetzt.

Signalwirkung

In einer Partnerschaft sind die Partner letztlich die Eigentümer und haben damit das Sagen. Keine übergeordnete Instanz ist ihnen weisungsbefugt. Eine Atmosphäre zu schaffen, in der frauenfeindliche Sprüche oder Getatschte als Lappalien abgetan werden, ist dann nicht unbedingt eine gemeinschaftliche Verschwörung. „Es reicht, wenn die entscheidenden Partner Vorfälle nicht ernst nehmen und übergriffiges Verhalten nicht sanktionieren. Das hat für den Rest Signalwirkung“, sagt Knaths.

Die Situation in Kanzleien spiegelt dabei nur ein gesamtgesellschaftliches Problem wider: In deutschen Unternehmen sind die Ahnungslosigkeit und das mangelnde Problembewusstsein hinsichtlich sexueller Belästigung erschreckend. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz schon einmal erlebt oder beobachtet. So steht es in einer aktuellen Studie der Anti­diskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Über ihre Rechte sind viele kaum informiert. Nur 18 Prozent der befragten Personalverantwortlichen und Betriebsräte berichten von einer Betriebsvereinbarung oder einem Leitbild in ihrem Unternehmen, das sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz richtet.

Die männlichen Partner müssten sich bewegen, meint Knaths. Fehlverhalten begradigen könnten in Kanzleistrukturen nur die Mit-Partner. „Ohne sie gelingt eine kulturelle Veränderung nicht“, so die Expertin. „Eine andere Form der Sensibilität für das Thema kann nur die Gruppe in sich leisten.“

Konsequenzen gezogen

Zwar haben viele Großkanzleien umfangreiche Programme zur Karriereförderung von Frauen und zur Integration von Familien in die ­Arbeitswelt aufgelegt. Doch Instrumente, etwa enstprechende Leit­fäden, wie Frauen mit Belästigungen von Kollegen umgehen sollen, oder sogenannte Whistleblower-Hotlines, an die man sich vertrauens­voll und gegebenenfalls anonym wenden kann, existieren in Anwaltskanzleien in aller Regel nicht.

Linklaters hat inzwischen aus den Ereignissen Konsequenzen gezogen und das sogenannte Employee Assistance Program ins Leben gerufen, um künftig Belästigungen vorzubeugen. Dahinter steckt das Programm eines externen Anbieters, der nun den Auftrag hat, für alle Mitarbeiter – also nicht nur für Anwältinnen und Anwälte, sondern auch beispielsweise für Studentinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter sowie für deren Angehörige – ein offenes Ohr zu bieten. Diese sollen sich künftig mit allen Sorgen und Nöten an die Psychologen, Psychotherapeuten und Coaches des Anbieters wenden können, und zwar ohne Wissen und Einfluss der Sozietät.

Fall erledigt?

Aber ist die Aufarbeitung des Falls bei Linklaters mit der Einrichtung einer Hotline getan? Sicher nicht. Denn das Employee Assistance Program setzt naturgemäß erst dann an, wenn das Kind in den Brunnen zu fallen droht. Aber an den Strukturen von Partnerschaften – dem eigent­lichen Kern des Problems – ändert es nichts. Es muss ein Kulturwandel her. Dazu trägt hoffentlich auch bei, dass sich immer mehr Kanzleien so wie Linklaters einen höheren Frauenanteil in Führungspositionen verordnen.