Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Markus Lembeck

Erfrischend traditionell: Jura studieren in Cambridge und Oxford

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Fast alle großen Kanzleien werfen in den ersten beiden Trimestern des Studiums ihre Netze aus, um die deutschen Spitzenjuristen schon vor dem Abschluss bzw. dem stressigen dritten Trimester mit seinen Prüfungen anzuwerben. „Einige brennen da ein großes Feuerwerk ab“, sagt ein LL.M.-Student, der an einigen Events teilgenommen hat. Hengeler Mueller etwa oder Freshfields Bruckhaus Deringer laden zu Wochenenden in luxuriöse Landhäuser, opulente Mahlzeiten und Tontaubenschießen inklusive. Ob die Roadshows am Ende die Absolventen in ihrer Entscheidung für einen Arbeitgeber beeinflussen, weiß keiner so genau. „Wichtig ist, mit den Absolventen ins Gespräch zu kommen“, sagt Schwarz. Am Ende sei regelmäßig ausschlaggebend, ob man sich sympathisch finde.

Die Netze auswerfen

Die meisten Absolventen nehmen die Chance, potenzielle Arbeitgeber auszuloten, gerne wahr. Unterm Strich geht es in Oxbridge, mehr noch als an den meisten anderen Universitäten in der Welt, natürlich in erster Linie um eines: die richtigen Kontakte herstellen und Netzwerke fürs Leben knüpfen. Nicht nur im Hinblick auf spätere Arbeitgeber, sondern vor allem zu den Kommilitonen. Schließlich könnte sich jedes noch so blasse Gesicht unter jedem schwarzen Umhang als angehender Mover und Shaker in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft entpuppen. „Es ist hier nicht so wie in Deutschland, wo das Netzwerken teilweise noch ein Geschmäckle hat“, sagt Liesegang. „Jeder, der hierher kommt, will neue Kontakte schließen und kümmert sich auch intensiv darum.“

Und das bereitet nicht einmal viel Arbeit. Alles ist darauf angelegt, dass Studenten in kurzer Zeit Wurzeln schlagen. Wer in Oxbridge studieren will, muss von einem der 38 (Oxford) oder 31 (Cambridge) Colleges aufgenommen werden. Das sind von der Universität unabhängige Einrichtungen, die große Selbstständigkeit genießen. Man wohnt und isst im College, regelmäßig treffen hier Undergraduates – die Studenten, die noch vor dem ersten Abschluss stehen – und Graduates der unterschiedlichsten Studienrichtungen aufeinander. Die Colleges richten die Einführungswoche aus, die Immatrikulationsfeier, den Abschlussball – den oftmals pompösen Mai-Ball – und die Abschlussfeier. Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass man mit Studenten unterschiedlichster Fachrichtungen seines Colleges den Abschluss feiert, nicht aber mit den Kommilitonen, mit denen man zuvor monatelang in der Fakultät an der Uni zusammen gelernt hat.

Die Wahl des Colleges ist also nicht gerade unwichtig. Wenn man denn überhaupt eine Wahl hat. Nur wer im Bewerbungsverfahren (Britische Law Schools auf azur-online) und mit seinen bisherigen akademischen Leistungen überzeugt und dann auch noch Glück hat, landet an seinem Wunschcollege; alle anderen werden gepoolt und einem College zugewiesen. Matthias Götz wurde vom College seiner Wahl angenommen: vom urigen Magdalene (sprich: Maudlyn)-College in Cambridge, das im 15. Jahrhundert gegründet wurde. In Oxford hatte er nur den Zuschlag von einem jüngeren College bekommen, auch deshalb entschied sich der 29-Jährige für Cambridge. „Wenn schon England, dann auch richtig traditionell“, erklärt er seine Entscheidung.

Tradition und Modernisierung

Über die Jahrhunderte wird allerdings auch hier schon mal eine Tradition behutsam überdacht: Tatsächlich zählte das College Ende der 1980er-Jahre zu den letzten in ganz Oxbridge, das Frauen zum Studium zugelassen hat. Angeblich gab es männliche Studenten, die fortan demonstrativ mit schwarzen Armbinden durch das College zogen. Nicht auszuschließen, dass auch heute noch einige Männerbünde ihre Colleges lieber frauenfrei hätten. Doch der weibliche Anteil der Studenten wächst auch hier unaufhaltsam, wie fast überall.

MJur aus Oxford: Friederike von Türckheim, Hengeler Mueller.

MJur aus Oxford: Friederike von Türckheim, Hengeler Mueller.

Friederike von Türckheim hat am ehemaligen Frauencollege St Anne‘s studiert, das mittlerweile auch Männer aufnimmt. Die 33-Jährige hat 2009 ihren MJur in Oxford gemacht – als eine von zwei Frauen unter einem knappen Dutzend deutscher Studenten. „Für Männer ist das häufig das Sahnehäubchen ihrer Ausbildung“, sagt die Anwältin, die mittlerweile im Berliner Büro von Hengeler Mueller arbeitet. „Frauen – so jedenfalls mein persönlicher Eindruck – sind oft nicht bereit, nach der langen deutschen Juristenausbildung noch etwas draufzusetzen, sei es ein Masterstudium oder eine Promotion.“

Von Türckheim hat die Zeit genossen. Es gab viel Arbeit, aber die Freizeit sei „auch nicht zu kurz gekommen“. Kein Wunder. Universitäten und Colleges bieten eine schier unüberschaubare Vielzahl von Aktivitäten, vom gewöhnlichen Fußballclub über die Ancient Literature Society oder die Cambridge University Quiz Society bis hin zum Oxford University Quidditch Club. Hier sind Harry-Potter-Fans im Bilde: Die Studenten jagen bei dem Spiel mit dem Besenstiel zwischen den Beinen und mit langem Umhang einen Ball hinterher – mangels Flugtauglichkeit nicht durch die Luft, sondern über ein Feld – und versuchen ihn durch runde Tore zu befördern.

Die Königsdisziplin in Oxbridge ist aber natürlich das Rudern. Für eine Teilnahme am legendären Rennen auf der Themse, bei dem die Teams von Oxford und Cambridge jährlich ihren Wettstreit auf sportliche Art austragen, werden jedoch meist Profi-Ruderer mit akademischen Weihen gezielt angeworben. Und extrem früh aufstehen muss man in der Regel auch für das Training, aber hey: Studium in Oxbridge und Mitglied im Ruderclub – gibt es eine bessere ­Visitenkarte im Lebenslauf?

International parkettsicher

Matthias Götz spielt ganz bodenständig Fußball, hat aber dennoch klare Vorstellungen davon, was ihm das Studium gerade an diesen Universitäten bringen soll: Als Anwalt will er Unternehmen helfen, in Indien Fuß zu fassen. Vor dem ersten Staatsexamen in Freiburg hat er selbst ein Jahr in Indien an der Law School Bangalore Jura studiert, pflegt deshalb Kontakte in den schwierigen indischen Rechtsmarkt und weiß, dass der Master aus Oxford oder Cambridge in den Ohren der Asiaten einen Ruf wie ein Donnerhall hat. „Das schafft sofort Vertrauen“, sagt Götz.

Hinzu kommt: Oxbridge-Absolventen sind international parkettsicher, können Black tie von White tie und passende von unpassenden Gesprächsthemen unterscheiden. „Die Studenten erlernen hier eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit gesellschaftlichen Ereignissen, die sie sich anderswo nicht aneignen würden“, sagt Professor Vogenauer. Da wirken die jährlichen Studiengebühren ab rund 15.000 Pfund fast schon wie ein Schnäppchen – zumal im Hinblick auf die exorbitanten Kosten für ein Studium an einer Top-Universität in den USA. „Auf dem Arbeitsmarkt ist der Abschluss ein so gravierender Vorteil, dass die Kosten sich amortisieren“, sagt Vogenauer. „Oxford ist für jeden Juristen die beste Investition in die Karriere.“ –

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