Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Markus Lembeck

Erfrischend traditionell: Jura studieren in Cambridge und Oxford

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Wer an den Elitehochschulen Oxford oder Cambridge seinen Master macht, erlebt britische Skurrilitäten in ­mittelalterlichem Ambiente. Es zahlt sich aus: Bessere Kontakte für die Karriere gibt es nach wie vor fast nirgendwo. Von Katja Gersemann (aus azur 1/2015)

Wenn die ironische Distanz langsam abschmilzt, weiß man, dass man an Großbritanniens Elitehochschulen angekommen ist. Dann fremdelt man nicht mehr damit, dass die Kleiderordnung beim Klausurenschreiben oder Abendessen im College schon mal Tuxedo, Robe und das Mortarboard, den akademischen Hut mit Bommel, verlangt. Dann geht es einem in Fleisch und Blut über, zügig vom Platz an der Tafel aufzustehen, sobald die Fellows und Professoren im Speise­saal an ihrem High Table vor der Ahnengalerie Platz nehmen.

Dann glaubt man nicht mehr, am Set eines Harry-Potter-Films gelandet zu sein, wenn das lateinische Tischgebet im flackernden Kerzenschein gesprochen wird. „Am Anfang finden viele Studenten diese Bräuche befremdlich“, sagt Heiko Liesegang, der gerade sein Master-Studium in Law and Finance (MLF) an der Universität von Oxford absolviert. „Aber man merkt schnell, dass die Traditionen hier gelebt werden und nicht zur Folklore verkommen sind.“

Weltweit locken Hochschulen LL.M.- ­Stu­denten. Auch exotische Orte werden immer beliebter – doch exotischer als an den britischen Eliteunis Oxford und der gut 100 Kilometer westlich gelegenen Erzrivalin Cambridge kann es für deutsche Juristen eigentlich kaum werden. Traditionen schleifen lassen, das geht vielleicht in weniger renommierten Lehranstalten im Mutterland der modernen Demokratie. An Hochschulen, die nicht auf über 800 Jahre Geschichte ­zurückblicken. Die keine Könige, Heiliggesprochene, Erzbischöfe, herausragende Wissenschaftler, Schriftsteller oder Juristen, Regierungsverantwortliche und andere hochdekorierte Menschen zu ihren Absolventen zählen. Die strengen Zulassungsschranken in „Oxbridge“, wie Kenner die beiden elitären Erzrivalen nennen, sorgen dafür, dass Neuankömmlinge auch heute noch das Gefühl haben, direkt in ein Konzentrat von intellektuell interessierten und ehrgeizigen Menschen hineingespült zu werden.

Geschlossene Gesellschaft

„Jeder einzelne, den ich hier kennengelernt habe, ist auf seine Art spannend“, sagt Liesegang. Vor Kurzem saß er bei einem Formal Dinner – wie das gemeinsame Abendessen hier genannt wird – neben einem Professor für Neuropsychologie und tauschte sich interdisziplinär über das Thema Schuld aus. „Plötzlich sieht man diese Fragen nicht mehr nur als Jurist, sondern bekommt auch ganz andere Blickwinkel mit“, sagt er. „Das ist ungemein bereichernd.“ Auch Liesegang war sich am Anfang nicht sicher, ob man für solche Gespräche unbedingt das Harry-Potter-Ambiente mit passender Kostümierung braucht. Doch die Zweifel sind mittlerweile der Überzeugung gewichen: „Die Atmosphäre führt einfach zu fruchtbaren Gesprächen.“

Ausschlaggebend dafür, dass Liesegang nach Oxford ging, war vor allem der Studiengang. Der 30-Jährige, der an der vergleichsweise unglamourösen Bochumer Universität Jura studiert hat und nach dem Abschluss in einer Kanzlei oder Unternehmensberatung arbeiten möchte, suchte für sein Master-Studium eine Mischung aus Law und Business School. Das MLF-Programm in Oxford schien dem Prädikatsjuristen wie maßgeschneidert.

Liesegang nimmt ebenso wie viele seiner Kommilitonen in Oxford oder Cambridge ein hartes Pensum in Kauf. Noch einmal Spaß haben vor dem Berufseinstieg und nebenbei mal eben praxistaugliches Englisch lernen – diese Minimalmotivation hat hier wohl kaum jemand. „Wenn man nicht bereit ist, viel und ernsthaft zu arbeiten, würde man eher woanders hingehen“, meint Liesegang. Er selbst und viele seiner Kommilitonen verbringen 50 bis 60 Stunden pro Woche in der Bibliothek.

„Studenten, die zu Hause vielleicht zu den Besten ihres Jahrgangs gehörten, finden sich hier plötzlich umgeben von Leuten, die gleich gut oder besser sind“, beschreibt Stefan Vogenauer, Professor für Comparative Law an der Uni in Oxford, das Umfeld. Das könne am Anfang einschüchternd wirken. „Hinzu kommt, dass sie sich mit Muttersprachlern messen müssen.“ Nach dem ersten Trimester setze aber gewöhnlich Erleichterung ein. Vogenauer lehrt seit rund zwölf Jahren in Oxford. Nach Ende des Studienjahres kehrt er nach Deutschland zurück. Er hat international schon viele Hochschulen von innen gesehen. Das Masterprogramm in Oxford hält er für das anspruchsvollste weltweit.

Mit Absolventen ins Gespräch kommen: Alexander Schwarz von Gleiss Lutz.

Mit Absolventen ins Gespräch kommen: Alexander Schwarz von Gleiss Lutz.

Im Visier der Arbeitgeber

Das liegt, wenn es zutrifft, unter anderem an den Tutorials, die parallel zu Vorlesungen und Seminaren laufen. Da sitzen zwei, maximal drei Studenten einem Professor gegenüber und diskutieren jede Woche intensiv ein Essay, das sie zuvor beim Professor eingereicht haben. Eine Szene, von der man wahrscheinlich noch den eigenen Enkeln erzählt. „Man sitzt da mit einem Lecturer in einem Kaminzimmer wie aus dem Jahre 1715 und wird gegrillt“, erinnert sich Dr. Alexander Schwarz, Partner bei Gleiss Lutz. „Das flößt Respekt ein.“ Schwarz studierte Mitte der 1990er-Jahre in Oxford und ist jedes Jahr dabei, wenn seine Kanzlei in Großbritannien Juristennachwuchs an den Top-Universitäten wirbt. Gleiss lädt deutsche LL.M.-Absolventen in Oxford, Cambridge, Edinburgh und London zum Dinner.

Teil 2: Die großen Kanzleien werfen ihre Netze aus

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