Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Christina Geimer

Der Herr am Ring: Strafrechtler Björn Gercke im Porträt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Sich einen Namen zu machen und eine Kanzlei mit bundesweiter Bekanntheit zu etablieren – das hat der ­Wirtschaftsstrafrechtler Prof. Dr. Björn Gercke mit Anfang 40 ­geschafft. Nun baut er selbst Nachwuchsjuristen auf. Von Christina Geimer (aus azur 1/2015)

In einem schlichten Geschäftshaus mitten auf Kölns Partymeile empfängt die Kanzlei Gercke Wollschläger ihre Mandanten in Strafsachen. Doch trotz ihres Sitzes an den Kölner Ringen ist Körperverletzung oder Waffenbesitz im Büro von Prof. Dr. Björn Gercke kein Thema. Vielmehr suchen der Oberbürgermeister von Bonn, der Creative Director des Loveparade-Veranstalters oder der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe hier Rat. Die Strafverfahren um den Bau des Kongresszentrums am alten Bundestag, die Tragödie der Loveparade in Duisburg oder der Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind Verfahren, bei denen Gercke seinen Mandanten zur Seite steht.

„In den ersten Minuten muss ich klar machen, wer der Herr im Ring ist“, gibt Gercke gelassen zu Protokoll, wenn er über die Beziehung zu ­seinen Mandanten spricht. Es sind häufig Manager, die es gewohnt sind, das Heft in der Hand zu haben. Doch wenn sie zu Gercke kommen, geht es ans Eingemachte – um ihre Existenz. „Große Durchsetzungsfähigkeit“ bescheinigen Wettbewerber dem Wirtschaftsstrafverteidiger Gercke – dabei tritt er weder laut noch mit grauen Schläfen auf. Poltern ist nicht seine Art. Bei aus Funk und Fernsehen bekannten Mandanten zieht er sogar von Anfang an einen Presserechtler hinzu.

"Richtig Spaß macht die Selbstständigkeit": Björn Gercke

„Richtig Spaß macht die Selbstständigkeit“: Björn Gercke

Referendariat bei Rüdiger Deckers

Erste Prozesserfahrung sammelte er im Referendariat bei der renommierten Düsseldorfer Strafrechtsboutique Thomas Deckers Wehnert Elsner (tdwe). Damals legte tdwe-Partner Dr. Rüdiger Deckers Wert darauf, dass sein Referendar bei Prozessen mit in der Reihe der Verteidiger saß. „Ich durfte zwar noch keine Robe tragen. Aber ich saß im Fokus und musste auf Zuruf die Akten parat haben“, erinnert sich Gercke.

Die Erfahrung in den ersten Verhandlungen gab den Ausschlag für seine Entscheidung, Strafverteidiger zu werden, anstatt eine rein wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. Seine Promotion mit Bestnote hat Gercke im Strafprozessrecht geschrieben. Es folgten Lehrjahre in der mittelständischen Kanzlei Janssen + Maluga in Krefeld, die heute mit einem anderen Zuschnitt in Düsseldorf sitzt. In den Strafprozessen verteidigte er damals nicht nur Unternehmenschefs, sondern auch Mörder. „Das hat mir wahrscheinlich die nötige Härte und Gelassenheit gegeben“, resümiert Gercke heute.

Nach knapp drei Jahren und mit 15.000 Euro Startkapital eröffnete er seine eigene Kanzlei. Er wollte lieber auf eigene Rechnung arbeiten, statt unter bekannten Namen groß zu werden. „Richtig Spaß macht die Selbstständigkeit. Das liegt daran, dass Strafverteidiger zumeist absolute Alpha-Tiere sind“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Sein eigener Chef zu sein, das hieß für Gercke zu Beginn: Arbeiten in einem kleinen Büro ohne Mitarbeiter. Zur Literaturrecherche nutze er die Uni-Bibliothek. An seine ersten Mandanten kam er über Empfehlungen. Geholfen hat Gercke dabei auch sein gutes Verhältnis zum bekannten Kölner Strafrechtler Prof. Norbert Gatzweiler.

„Kollegen langsam aufbauen“

Nach den ersten wirtschaftlich lohnenden Mandaten bezog er nach einem Dreivierteljahr ein großzügiges Büro gegenüber den heutigen Kanzleiräumen und holte sich einen Partner hinzu. Seit sein Freund aus Göttinger Jugendtagen, Dr. Sebastian Wollschläger, an Bord ist, wächst die Boutique. Mittlerweile gibt es sechs Anwälte und seit 2014 auch einen dritten Partner. „Im Strafrecht ist es schwierig, unerfahrenen Kollegen Freiräume zu geben. Denn Fehler haben extreme Konsequenzen“, zeichnet Gercke die Herausforderungen des Wachstums auf: „Es ist sehr wichtig, die Kollegen langsam aufzubauen. Wir machen uns viele Gedanken, wen wir in welchem Verfahren einsetzen.“

Dabei setzt er gerne auf die Kombination jüngerer und älterer Anwalt im Mandat – gerne auch mit Koryphäen aus anderen Kanzleien. So berät zum Beispiel der jüngste Partner der Kanzlei, Dr. Ulrich Leimenstoll, im Sal. Oppenheim-Prozess den Bankgesellschafter Friedrich Janssen gemeinsam mit dem erfahrenen Strafrechtler Prof. Dr. Franz Salditt, der als Einzelanwalt in Neuwied sitzt.

Die Mehrheit der Anwälte bei Gercke Wollschläger vereint, dass sie am Institut für Straf- und Strafprozessrecht der Universität zu Köln gearbeitet oder sich dort promoviert haben. So rekrutiert Gercke auch wissenschaftliche Mitarbeiter und Referendare vornehmlich über seine Lehrtätigkeit. Seit 2008 ist er Dozent an der Uni Köln, seit Dezember 2013 Honorarprofessor. Dabei kommt ihm der Kanzleistandort in der Kölner Innenstadt zugute. In fünfzehn Minuten ist er im Hörsaal – zu Fuß über die Kölner Ringe. –