Magazin-Artikel
26.05.2015 | Autor/in: Christina Geimer

Der Besonnene: Strafverteidiger Rainer Hamm im Porträt

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

Ein Beitrag aus dem azur Karrieremagazin 1/2015

In seiner über 40-jährigen Karriere hat er die Großen der deutschen Wirtschaft in aufsehenerregenden Prozessen vertreten. Doch es ist nicht der große Auftritt vor Gericht, den Prof. Dr. Rainer Hamm an seinem Beruf liebt. Von Christina Geimer (aus azur 1/2015).

„Gleichzeitig in mehreren Hauptverhandlungen mit 70 oder 100 Verhandlungstagen sitzen zu müssen, wäre mir ein Horror“, sagt ­Rainer Hamm und fügt nach einer kurzen Pause hinzu, „beinahe ein Zeichen für Misserfolge.“

Damit spricht der Namenspartner der angesehenen Strafrechtsboutique HammPartner an, was für viele Manager zunächst bedrohlicher ist als das zu befürchtende Strafmaß: die öffentliche Vorverurteilung durch die Anwesenheit im Gerichtsaal während der Hauptverhandlung.

Es sind Geschichten wie die von Ex-Bundespräsident Christian Wulff: Auf einen Artikel der ‚Bild‘-Zeitung zu einem Privatkredit im Dezember 2011 folgen eine Anklage wegen Vorteilsnahme, Beschlagnahmungen, mehr als 100 Zeugen werden vernommen. Die Ermittler werten 45 Bankkonten aus, drei Monate Prozess und schließlich der ­Freispruch. Erst zweieinhalb Jahre nach dem ersten Pressebericht wird er rechtskräftig. Dieses Verfahren nennt Hamm als abschreckendes Beispiel, dabei hat er Wulff nicht verteidigt. Über seine eigenen Mandate hätte Hamm viel zu erzählen, doch ihm ist kein Wort zu entlocken. Diskretion ist sein Geschäft.

"Die Kanzlei soll nach meiner aktiven Zeit weiterleben": Rainer Hamm.

„Die Kanzlei soll nach meiner aktiven Zeit weiterleben“: Rainer Hamm.

„Gewinnen oder verlieren“

So wendet Hamm Verfahren mit Deals ab, bevor überhaupt ein Verdacht an die Öffentlichkeit dringt. Obwohl dieser Weg in der Strafverteidigerszene als größter Erfolg gilt, würde Hamm ­eine Hauptverhandlung nicht um jeden Preis vermeiden. „Wenn der Mandant mir gegenüber sagt, die vorgeworfene Übergabe eines Briefumschlages mit Bestechungsgeld hat nie stattgefunden, dann würde ich keine Gespräche führen, ob im Falle eines Geständnisses zwei Jahre mit Bewährung möglich sind. Denn das wäre ein Fehl­urteil“, unterstreicht Hamm die Berechtigung von öffentlichen Prozessen. „Es ist das Forum, wo die Klingen gekreuzt werden, wo man gewinnen oder verlieren kann.“

Hamms Schwert ist sein Laptop. Obwohl er mit 72 Jahren sicher kein Digital Native ist, strukturiert er für Verhandlungen die digitalen Akten mit Lesezeichen vor. Die PDF-Suchfunktion ist sein Lieblingswerkzeug, um Details schneller zu finden als Richter oder Staatsanwälte. Das verschafft ihm Vorteile. Auch sonst ist Hamm offen für neue Ideen. Trotz 40 Jahren Berufserfahrung ermuntert Hamm die jüngeren Kollegen, „nach Herzenslust“ Änderungen an seinen Schriftsätzen vorzuschlagen. So kann der Nachwuchs erste Erfahrungen in aufsehenerregenden Prozessen sammeln – an der Seite eines großen Namens.

Hamm vertrat zum Beispiel den Ex-CDU-Politiker Klaus-Rüdiger Landowsky wegen des Vorwurfs der Untreue im Berliner Bankenskandal bis zum Bundesverfassungsgericht. Vor sechs Jahren entschied sich sogar ein Vizepräsident des Bundesverfassungsgericht statt für den Ruhestand zum Eintritt bei HammPartner. Prof. Dr. Dr. Winfried Hassemer war bis zu seinem Tod im ­Januar 2014 für die Kanzlei tätig. „Die Kanzlei soll nach meiner aktiven Zeit weiterleben“, meint der 72-jährige Hamm. Deswegen stellt er sein Team altersgemischt auf. Etwa alle fünf Jahre stellt er einen Juristen im Alter von Ende 20 an – mit Partnerperspektive. So stieg Bea Rath in diesem Jahr bereits mit Anfang 30 zur Partnerin auf.

Vertrauen in die jungen Anwälte

Nach vier Jahren in der Kanzlei sollen Nachwuchsanwälte nicht mehr nur zuarbeiten, sondern eigene Fälle übernehmen. „Erfreulicherweise ist es gelungen, Mandanten klar zu machen, dass auch andere Kollegen meiner Partnerschaft sich in bestimmten Themen einen Namen gemacht haben und direkt angesprochen werden“, resümiert Hamm. Er nimmt die Nachwuchsjuristen schon früh mit zu Mandanten, damit Vertrauen wachsen kann. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass bedeutende Strafverteidiger es nicht fertig bringen, junge Anwälte neben sich groß werden zu lassen“, berichtet Hamm und begründet damit auch den Aufbau der eigenen Sozietät.

Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er ein Jahr in der Bonner Kanzlei Redeker Dahs (heute Redeker Sellner Dahs). Von 1973 bis 1979 war er als freier Mitarbeiter beim Frankfurter Strafverteidiger Dr. Erich Schmidt-Leichner tätig. 1979 gründete er seine Anwaltspraxis HammPartner zusammen mit dem früheren Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof Prof. Dr. Werner Sarstedt. Dann kam Dr. Regina Michalke, mit der Hamm verheiratet ist. Heute besteht die Kanzlei aus acht Anwälten, die sich dezent um Mandanten aus der Wirtschaftselite kümmern. Gerne in der Kanzlei im Frankfurter Westend statt im Gerichtssaal.

Die Besucherparkplätze verstecken sich im Hinterhof des Büros. Ein schmales Fenster in einem der oberen Stockwerke lässt keinen Blick von außen in die kanzleieigene Bibliothek zu. Hier steht der Code Napoleon neben einer Uhr mit Weltkarten-Ziffernblatt. Die weißen Bücherregale mit goldener Halterung für die Schiebeleiter reichen bis zur Decke. Sie bieten Platz für all die Literatur, welche noch nicht digital verfügbar ist. Und hier steht ein großer Konferenztisch, an dem Hamm in Ruhe die Lösungen diskutiert und entwickelt, damit er keine vermeidbaren Gerichtsverhandlungen führen muss. –