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24.10.2014 | Autor/in: Laura Bartels
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Die Vorleser

(Fortsetzung)

In Berlin ist die Situation nicht ganz so günstig. Als die Treuhandanstalten in der Nachwendezeit das DDR-Vermögen privatisierten, brauchte die Stadt viele Notare und bestellte entsprechend viele. Deshalb gibt es in Berlin momentan keine „Bedarfsstellen“. Allerdings werden jedes zweite Jahr „Altersstrukturstellen“ ausgeschrieben – also solche, die eine homogene Altersstruktur unter den Notaren erhalten sollen.

Von der positiven Ausgangslage in Frankfurt möchte auch Schnitzler profitieren. Abgesehen von der günstigen Bewerbersituation, kann er außerdem auf den Rückhalt seiner Kanzlei zählen. „Für unsere Sozietät ist das Notariat ein wichtiger Bestandteil des Geschäfts, der das Angebot für unsere Mandanten ­abrundet und uns von Wettbewerbern abhebt“, sagt Schnitzler.

Großkanzleien sind interessiert

Auch internationale Großkanzleien wie Clifford Chance und Freshfields Bruckhaus Deringer pflegen ihre Notariate seit vielen Jahren. Zum einen weil es ein ­lukratives Geschäft ist – und das, obwohl dem Notarhonorar durch die Gebührenordnung Grenzen gesetzt sind. Zum anderen weil es eine attraktive Karrierealternative für junge Anwälten bietet, die ihre Zukunft nicht als Vollpartner, also als Gesellschafter einer Kanzlei, sehen. So können Kanzleien verhindern, gute Juristen ohne Partnerambitionen an die Konkurrenz zu verlieren.

Die neue Option der Fachprüfung stellt manche Sozietäten allerdings vor ein strategisches Problem: Das Examen hat den Nebeneffekt, dass die angehenden Notare immer jünger werden. Denn die Lernphase vor der Prüfung ist zwar zeitintensiv und anstrengend; vor allem aber ist sie kürzer als das Punktesammeln, das bis Herbst 2010 vorgeschrieben war. Denn auch die entsprechenden Kurse absolvierten viele Anwälte neben der täglichen Arbeit, also meist am Wochen­ende.

Unabhängig von Weisungen

Gerade Wirtschaftsanwälte haben aber häufig keine Fünf-Tage-Woche, sodass sich der Besuch der entsprechenden Veranstaltungen schnell mal über mehrere Jahre hinzog. Das ist mit der Prüfung passé und wird von vielen Beteiligten als echte Verbesserung gelobt. Trotzdem hat die Sache einen Haken: Notare müssen als Träger eines öffentlichen Amtes weisungsunabhängig arbeiten, was auf einen Associate oder Salary-Partner, also einen angestellten Anwalt, in der Regel nicht zutrifft.

Meist sind es nur die Vollpartner, die wie ein selbstständiger Anwalt agieren, aber mit anderen Partnern in denselben Kanzleitopf wirtschaften. Für sie wäre eine notarielle Tätigkeit kein Problem, da sie im Prinzip keine Arbeitnehmer sind und daher keinen Weisungen unterliegen.

Als Matthias Santelmann sein Notarexamen bestanden hatte, war auch er noch angestellter Anwalt bei WilmerHale. „Mit meiner Bestellung zum Notar wurde das Angestelltenverhältnis beendet und ich habe als of Counsel einen partnerähnlichen Status erhalten“, erklärt Santelmann. Diese Bezeichnung haben in anderen Sozietäten häufig ehemalige Politiker oder Inhousejuristen inne, und erfüllen dabei eine Art Beraterfunktion in ihrer Kanzlei. Das Problem der Weisungsunabhängigkeit war damit gelöst.

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