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24.10.2014 | Autor/in: Laura Bartels
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Die Vorleser

Die Vorleser: Beitrag aus azur 2/2014

Die Vorleser: Beitrag aus azur 2/2014

Notare sind konservativ, lesen nur Urkunden vor und bekommen auch  noch Geld dafür. So weit, so falsch. Dank solcher Vorurteile fristet das Notariat als Berufswunsch bei Nachwuchsjuristen ein Nischendasein. Dabei ermöglicht ein neues Prüfungssystem ihnen jetzt den Berufs­einstieg in den anspruchs­vollen Beruf als unparteiischer Berater. Von Laura Bartels (aus azur 2/2014)

Familien- und Erbrecht gehörten schon während seines Studiums eher nicht zu seinen Lieblingsrechtsgebieten. Und auch als Anwalt für Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht in der US-Kanzlei WilmerHale beschäftigte er sich kaum mit Eheverträgen und Testamentsvoll­streckungen. Trotzdem brütete Dr. Matthias Santelmann vor knapp zwei Jahren noch einmal über eben diesen Rechtsgebiete. Warum? Santelmann wollte ­unbedingt Notar werden. Und das hieß für den Berliner Anwalt, sich nach zwei bestandenen Staatsexamen der notariellen Fachprüfung zu stellen.

Denn seit Herbst 2010 haben sich die Zulassungsvoraussetzungen für Anwaltsnotare geändert. Nach dem neuen System müssen Juristen, die parallel zum Notar bestellt werden wollen, eine Art Drittes Staatsexamen ablegen, bestehend aus vier Klausuren und einer mündlichen Prüfung. Am Ende entscheiden die Note aus der Fachprüfung und die Punktzahl aus dem zweiten Examen darüber, wer Notar wird und wer nicht. Stichwort Bestenauslese. Die Besten eines ­Prüfungsdurchgangs haben die besten Chancen auf das Amt.

Reform im Anwaltsnotariat

Associate adé: Matthias Santelmann von WilmerHale wechselte in den of-Counsel- Status, weil sich sein Angestelltenverhältnis nicht mit der Weisungsunabhängigkeit eines Notars vertrug.

Associate adé: Matthias Santelmann von WilmerHale wechselte in den of-Counsel-Status, weil sich sein Angestelltenverhältnis nicht mit der Weisungsunabhängigkeit eines Notars vertrug.

Das neue Prüfungsmodell soll die fachliche Eignung der Bewerber feststellen und die Auswahl­kriterien transparenter machen. Auslöser für die Reform war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Darin bemängelten die Richter das frühere Punktesystem, weil es vom Bewerber keinen Nachweis der fachlichen Qualifikation forderte, sondern nur den Besuch einiger Vorbereitungskurse voraussetzte. „Durch das neue System wird sichergestellt, dass Bewerber die fach­lichen Mindeststandards beherrschen“, sagt Dominik Hüren von der Bundesnotarkammer in Berlin.

Allerdings gilt die Neuerung nur für Bundesländer mit Anwaltsnotariat. Denn Deutschland ist in dieser Hinsicht immer noch zweigeteilt (LINK Geteiltes Land). Die Gründe sind – wie so oft – historisch bedingt. Nur in einigen nördlichen Bundesländern, in Westfalen, Hessen und Berlin gibt es das Anwaltsnotariat, das es erlaubt, gleichzeitig als Notar und als Anwalt tätig zu sein.

Das Dritte Staatsexamen

Das Nur-Notariat, oder Rheinische Notariat, geht zurück auf ein Dekret zu Zeiten der französischen Revolution. Es wurde in den annektierten linksrheinischen Gebieten eingeführt und ist bis heute die ­vorherrschende Notariatsform im Rheinland, Rheinland-Pfalz, Saarland, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. In diesen Teilen der Republik müssen die Notare nach ihrer Bestellung ihre Sozietät sogar verlassen, weil Anwälte und Notare nicht gemeinsam praktizieren dürfen.

Zwar zwingt die neue Prüfungsordnung die Bewerber, sich neben ihrer anwaltlichen Tätigkeit intensiv auf die Prüfung vorzubereiten – in Rechtsgebieten, mit denen sie sich vielleicht schon lange nicht mehr beschäftigt haben. Dafür ermöglicht sie aber vielen Anwälten überhaupt erst, Notar zu werden (LINK Berufsziel ­Notariat). Denn früher mussten sie für die Zulassung in zahlreichen Wochenendkursen Punkte sammeln. Doch dazu fehlte vielen Anwälten schlicht die Zeit.

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