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24.10.2014 | Autor/in: Marc Chmielewski
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Die Freiheit der Kellerasseln

Die Freiheit der Kellerasseln: Beitrag aus azur 2/2014

Die Freiheit der Kellerasseln: Beitrag aus azur 2/2014

Sie sind brillante Juristen, die jede Top-Kanzlei mit Kusshand nehmen würde. Aber statt dort mit großen Mandaten im Rampenlicht zu ­stehen, beißen sich Mitarbeiter von BGH-Kanzleien in Karlsruher Hinterzimmern durch dicke Akten. Expedition in ein faszinierendes Biotop der deutschen Anwaltschaft. Von Marc Chmielewski (aus azur 2/2014)

Anruf bei einem BGH-Anwalt. „Guten Tag, ich schreibe einen Artikel über die wissenschaftlichen Mitarbeiter von BGH-Anwälten, und da dachte ich …“ – „Also, dazu werde ich Ihnen bestimmt nichts sagen!“ – „Nicht einmal, wie viele Mitarbeiter angestellt sind?“ – „Nein, ­Betriebsgeheimnis, auf Wiederhören.“

Karlsruhe. Das Wort steht nicht nur für die badische Großstadt mit 300.000 Einwohnern. Es ist ein Synonym für die höchsten Instanzen des deutschen Rechts­wesens. Hier haben das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof (BGH) ihren Sitz. Wenn „Karlsruhe“ entscheidet, werden letzte Wahrheiten verkündet. So jedenfalls kommt es draußen im Land bei vielen an. Karlsruhe hält, wenn man es etwas ­pathetisch ausdrücken will, den Rechtsstaat in seinem Innersten zusammen.

„Wir sind ein offenes Geheimnis“

Erst internationale Sozietät, dann BGH-Kanzlei: Julia Nobbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Jordan & Hall, kennt beide Welten.

Erst internationale Sozietät, dann BGH-Kanzlei: Julia Nobbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Jordan & Hall, kennt beide Welten.

Karlsruhe ist die Bühne, auf der auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter von BGH-Anwälten ihre Rollen spielen – allerdings hinter den Kulissen. Zum Beispiel Dr. Julia Nobbe, die in der Kanzlei Jordan & Hall vorwiegend mit Patentstreitigkeiten befasst ist. „Wir sind ein offenes Geheimnis“, sagt sie. Vielen Mandanten und sogar Anwälten aus den Vorinstanzen sei gar nicht ­bewusst, dass die meisten BGH-Anwälte juristische Mitarbeiter beschäftigen. „Es kommt schon mal vor, dass ich für die Sekretärin gehalten werde.“

Dabei gehört ihr Chef Dr. Reiner Hall zu jenen BGH-Anwälten, die ihre Mitarbeiter nicht verstecken. Im Gegenteil:  „Wenn Fälle besprochen werden, die sie bearbeitet haben, sind sie dabei. Und wenn es eine Detailfrage gibt, in der sie ­besser Bescheid wissen als ich, dann sage ich das den Mandanten oder Voranwälten ehrlich“, sagt Hall.

Sie wissen selten voneinander

So viel Offenheit ist nicht selbstverständlich. Hinter vorgehaltener Hand werden die Mitarbeiter der BGH-Anwälte schon mal als Kellerasseln bezeichnet. Sie ­beißen sich durch dicke Akten, brüten über Gesetzestexten, treten aber in vielen Kanzleien niemals nach außen in Erscheinung. Mag der Fall noch so spektakulär sein, die Analyse der Mitarbeiter noch so brillant – in der Regel erfährt außer dem BGH-Anwalt, der den Schriftsatz unter seinem Namen einreicht, kein Mensch etwas davon.

Heute geht die Heimlichtuerei nicht mehr so weit wie früher. Aber in den BGH-Kanzleien ist immer noch alles komplizierter als etwa bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern am BGH selbst. Die an das Gericht abgeordneten Instanzrichter werden Trüffelschweine genannt. Für sie gibt es Planstellen, sie haben einen offiziellen Präsidenten und ein Internet-Netzwerk. Für Kellerasseln gilt das alles nicht. Sie wissen selten voneinander, es sei denn, sie arbeiten in derselben Kanzlei.

Zeitenwende

Das hat mit den Besonderheiten des Karlsruher Justizapparats zu tun. Hier sind die besten Juristen des ­Landes versammelt, Richter und Anwälte, es ist eine feine, stille Welt der Geistesarbeiter. Ein erlauchter Kreis mit streng begrenztem Zutritt. Das gilt vor allem für die BGH-Anwälte. Derzeit sind es 43. In Zivilsachen dürfen sie – und nur sie – die Streitparteien in der letzten In­stanz vertreten.

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