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24.10.2014 | Autor/in: Norbert Parzinger
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Die Dickbrettbohrer

Die Dickbrettbohrer: Beitrag aus azur 2/2014

Die Dickbrettbohrer: Beitrag aus azur 2/2014

Bankenstresstest, Derivatehandel, Haftungsprozesse – wann immer Politik und Finanzindustrie im Clinch liegen, kommen Bankaufsichtsrechtler ins Spiel. Der Job ist anspruchsvoll, lockt mit guten Karrierechancen und einer überraschend vernünftigen Work-Life-Balance. Von Norbert Parzinger (aus azur 2/2014)

Bonn, Graurheindorfer Straße 108. Ein weißer Zweckbau aus den Wirtschaftswunder­jahren. Zu Zeiten der Bonner Republik gingen die Beamten des Bundesfinanzministeriums ein und aus, heute residiert hier die ­Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin.

Sie kontrolliert so gut wie alles, was Banken, Versicherungen, Fonds und Wertpapier­händler treiben: Jedes neue Finanzprodukt, jeder Anleihen­prospekt, auch jede Übernahme eines ­börsennotierten Unternehmens landet zur Prüfung in einem von 148 BaFin-Referaten, auf einem von 2.398 Schreib­tischen. Ohne BaFin-Zusage geht nichts in der Finanzwelt, selbst jeder neue Bankenvorstand muss hier genehmigt ­werden.

Ergebnis des Stresstests

In Abteilung BA 5, Referat BA 56, arbeitet Thomas Konschalla, 32, Rechtsanwalt. Er ist seit Ende 2012 dabei. ­Einen Termin hat er sich im Kalender rot angestrichen: den 4. November 2014. Spätestens an diesem Tag wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Ergebnisse der Bankenstresstests bekanntgeben. Seit fast zwei Jahren bereitet sich die Branche darauf vor.

128 Großbanken in Europa haben sich von den Aufsehern gründlich durchleuchten lassen und warten nun gespannt, ob ihre Kennzahlen dem simulierten Belastungstest standhalten. Häuser wie die Deutsche Bank stärkten sich vorab durch Kapitalerhöhungen, andere Institute stießen ihre Problemkredite oder ganze Sparten ab. Allen steht ein Horrorszenario vor Augen: als ‚Zombiebank‘ demaskiert zu werden, die ohne Hilfe der Zentralbanken gar nicht lebensfähig wäre.

Seit Ende 2013 läuft die heiße Phase. Per Ausschreibung wurden die Wirtschaftsprüfer ausgewählt, die in die Banken ausschwärmten, um Daten zu sammeln. Nun brüten die BaFin-Analysten über den Zahlen. ­Konschalla koordiniert gemeinsam mit einem Kol­legen das zehnköpfige Team aus Juristen, Volks- und ­Betriebswirten, das gemeinsam mit zehn Bundesbank-Mitarbeitern die ‚Collateral Values‘ untersucht, die Vermögenswerte, mit denen Bankkredite besichert sind.

Es steht viel auf dem Spiel

Mehrmals am Tag leuchtet die Nummer 069-1344 in Konschallas Telefondisplay auf. Auch für die Aufseherin der ­Frank­furter EZB-Zentrale steht viel auf dem Spiel. Am 4. November werden alle Augen auf sie gerichtet sein: Dann übernimmt die EZB offiziell die Funktion der obersten europäischen Bankaufsichtsbehörde. Verpatzt sie ihren ersten großen Auftritt, wird sie es in den nächsten ­Jahren schwer haben.

Ein abschreckendes Beispiel ­lieferte 2011 die gerade neu gegründete Dachbehörde European Banking Authority (EBA) mit ihrem eigenen europaweiten Stresstest: Sie erklärte die marode, bald darauf zerschlagene belgisch-französische Dexia Bank für kerngesund und kritisierte die solide Hessische Landesbank für vermeintliche Kapitallücken. Viele zweifelten anschließend an der Kompetenz der Aufseher. „Es wird spannend“, meint Konschalla trocken.

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