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22.05.2014 | Autor/in: Eva Flick
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Ein Hacker sieht schwarz

Gleichzeitig tätigten sie verschiedene Testkäufe und beobachteten intensiv die Aktivitäten auf verschie­denen elektronischen Angebotsplattformen. Sie verfolgten zudem die einschlägigen Blogs von Hackern – regelmäßig eine ergiebige Informationsquelle. ­„Hacker sind eitel“, sagt Marcus Schreibauer. „Die sitzen in ihrem stillen Kämmerlein, hacken, und den angerichteten Schaden merken erst nur die Betroffenen. Sie wollen sich aber in der Szene mit ihren Erfolgen brüsten. Und das tun sie in den Blogs zum Teil völlig ungeniert.“

So sammelten die Anwälte Stück für Stück Informationen, und das große Puzzle ergab ein immer deutlicheres Bild. Es wurde Zeit für Phase zwei, das aktive Vorgehen. Grundsätzlich können Unternehmen, die Opfer von Hackerangriffen wurden, mit straf- oder zivilrechtlichen Mitteln gegen einen Verdächtigen vorgehen (Rechtsfolgen bei Datenklau). Die Anwälte von Hogan Lovells und ihre Mandantin Nagravision entschlossen sich für den strafrechtlichen Weg und stellten Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft. Die stellte eine Ermittlungskommission zusammen und zog alle Register: Überwachung von Telefon, Skype und ICQ brachten neue Erkenntnisse.

Durchsuchungen an 23 Orten

Schreibauer_Marcus

Als umfangreiches Puzzle entpuppte sich der Fall für Hogan Lovells-Partner ­Marcus Schreibauer und ­seine ­Mandantin Nagravision.

Dabei vergrößerte sich der Kreis der Mittäter um Michael H., denn der stand in Verbindung zu anderen Personen, gegen die parallele Ermittlungen liefen. Der Schnellball vergrößert sich. Auch in Österreich und den USA wurden Strafverfahren angestrengt und Durchsuchungsbeschlüsse ­erreicht. „Der strafrechtliche Weg ist immer sehr ergiebig, wenn es zum Beispiel darum geht, E-Mails sicherzustellen“, erläutert Marcus Schreibauer, der auf Prozessführung spezialisiert ist. „Dann marschieren die Ermittlungsbehörden mit Wäschekörben unter dem Arm los und packen restlos alles ein.“

Genau das taten auch die Ermittler in Fall von ­Michael H. 120 Polizisten und Kriminalbeamte aus ­Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen schlugen gleichzeitig an 23 Orten zu. 26 Personen zwischen 17 und 62 Jahre ­flogen bei der Aktion auf. Auch das Haus von Michael H. durchsuchten die Ermittler. Bei ihm stellten sie nicht nur Kundenlisten, Bankguthaben, Elektronikartikel und Computer-Hardware sicher, sondern darüber hinaus auch noch Waffen und Betäubungsmittel. Michael H. wanderte als Hauptverdächtiger direkt in U-Haft.

Zivilrechtliche Auseinandersetzung

Eine andere Möglichkeit wäre für die Ermittler – zumindest theoretisch – der zivilrechtliche Weg gewesen. Dabei hätten die Hogan Lovells-Anwälte eine einstweilige Verfügung in Kombination mit einer sogenannten „Besichtigung“ in die Wege leiten müssen. Dieses Vorgehen bietet sich vor allem an, wenn Unternehmen und nicht Einzelpersonen im Verdacht stehen.

„Zusammen mit einem Sachverständigen marschiert man dann ins betroffene Unternehmen – am besten in der Mittagspause, wenn nur der Empfang besetzt ist“, erklärt Marcus Schreibauer. „Dann hat man schon mal einen kleinen Vorsprung, bis die betroffenen Personen vom Mittagessen zurückkehren und Daten verschwinden lassen können.“ Bei notorischen Einzeltätern wie Michael H. oder organisierten Banden macht der zivilrechtliche Weg allerdings wenig Sinn. Schreibauer weiß aus Erfahrung: „Solche Personen kümmern sich nicht um zivilrechtliche Maßnahmen.“

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