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21.05.2014 | Autor/in: Markus Lembeck
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Ein gutes Geschäft

Ein gutes Geschäft: Beitrag aus azur 1/2014

Ein gutes Geschäft: Beitrag aus azur 1/2014

Junge Juristen legen Wert auf ein sinnerfülltes Arbeitsleben. Studenten gründen deshalb Law Clinics, und Kanzleien bauen ihre Pro-bono-Arbeit aus. Das gemeinnützige Engagement hat aber auch eigennützige Motive. Von Simone Bocksrocker (aus azur 1/2014)

Ein weißes Haus auf einem großen Anwesen, ein eisernes Gartentor ganz in Schwarz, ein eigener Fahrer, eine Hausangestellte. All das klingt nach dem Leben eines gut situierten Anwalts. Doch weit gefehlt: Das Haus mit Personal steht in Tansania, genauer gesagt in Arusha. Dort tagt seit 1995 der Inter­nationale Strafgerichtshof für Ruanda. Shearman & Sterling hat das Haus bauen lassen, um ihren Anwälten eine sichere Bleibe zu bieten. Die US-amerikanische Kanzlei schickt Juristen im Rahmen ihres ‚Send a lawyer‘-Programms zur ehrenamtlichen Zusammen­arbeit mit dem International Criminal ­Tribunal of Rwanda (ICTR) nach Afrika.

Ging nach Arusha: Andrea Ernst von Shearman & Sterling arbeitete pro bono den Völkermord in Ruanda auf.

Ging nach Arusha: Andrea Ernst von Shearman & Sterling arbeitete pro bono den Völkermord in Ruanda auf.

Auch Andrea Ernst, Associate im dritten Jahr bei Shearman & Sterling in Frankfurt, hat dort im Sommer 2013 einige ­Wochen die rechtliche Recherche zum Völkermord in Ruanda unterstützt. Sie wälzte vorhandene Urteile, überprüfte Zeugenaussagen, arbeitete an Argumentationslinien zur Gewichtung einzelner Zeugenaussagen und half beim Erstellen von Schriftsatzteilen. „Anders als bei den Nürnberger Prozessen, bei denen alle ­Vorgänge schriftlich dokumentiert waren, gibt es zum Völkermord in Ruanda fast ausschließlich Zeugen­aussagen“, berichtet Ernst. Während ihrer Zeit in Arusha war die Prozessanwältin speziell mit den Vorfällen in der Provinz Butare beschäftigt.

Das Engagement der US-Mutter von Shearman & Sterling in Ruanda entwickelte sich in den späten 1990er-Jahren und begann zunächst als kleineres ­Recherche-Projekt. Doch dann entstand daraus das ‚Send a lawyer‘-Programm, an dem zahlreiche Anwälte – auch Partner – von Shearman & Sterling teilnahmen. Ende dieses Jahres wird der ICTR allerdings seine ­Arbeit beenden, offene Verfahren werden dann in andere Jurisdiktionen, etwa nach Ruanda, verwiesen.

Pro bono auf dem Vormarsch

Gemeinnützige Arbeit wie die von Shearman ist bei deutschen Kanzleien und Unternehmen noch die Ausnahme. Zwar nimmt sie deutlich zu, aber noch immer ist das Pro-bono-Engagement deutscher Juristen nicht mit dem ihrer US-Kollegen vergleichbar. „In den USA wird man als angehender Jurist sehr früh darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Beruf ein Privileg ist. Ihn ausüben zu können, ist nicht nur der eigene Verdienst, sondern auch der der Gesellschaft“, sagt Ernst. Mit dieser Haltung kam sie früh in Berührung: Sie lebte in den USA und stieg deshalb nicht bei Shearman in Frankfurt, sondern im Washingtoner Büro als Associate ein. Erst Ende 2012 kam sie nach Deutschland. „Die meisten meiner Kollegen in Frankfurt kannten das ‚Send a Lawyer‘-Programm am ICTR nicht“, so Ernst.

Trotz dieser kulturellen Unterschiede hat sich die Einstellung zur Pro-bono-Arbeit in den letzten Jahren auch in Deutschland verändert. Vor allem die inter­nationalen Kanzleien nehmen im Rahmen ihrer weltweiten Programme zur unternehmerischen Verantwortung ihre deutschen Standorte stärker in die Verantwortung. Nicht zuletzt, weil Mandanten bei Mandatsausschreibungen immer öfter Auskünfte über das soziale Engagement ihrer Berater wünschen.

Ein Kanzleien-Verein

Anfang 2011 gründeten 16 Kanzleien sogar einen ­eigenen Verein. Pro Bono Deutschland e.V. zählt inzwischen 32 Sozietäten zu seinen Mitgliedern. Neben den deutschen Büros internationaler Kanzleien sind große deutsche Sozietäten wie Noerr und CMS Hasche Sigle, aber auch kleinere Einheiten wie Raue und Boutiquen wie Graef aktiv.

Über den Verein wollen die Mitglieder Druck auf die Politik und die eigene Branche ausüben, um die ­regulatorischen Rahmenbedingungen für die Pro-­bono-Arbeit zu verbessern. Denn deren rechtlicher Rahmen ist in Deutschland umstritten. Die Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) schreibt beispielsweise für Rechtsberatung bestimmte Gebühren fest, die nicht unterschritten werden dürfen. Zudem steht die Befürchtung im Raum, dass Pro-bono-Arbeit das System der staatlichen Prozesskosten- und Beratungshilfe gefährdet. Dahinter steckt besonders die Angst von Einzelanwälten, bezahlte Mandate zu verlieren, die stattdessen von den größeren Kanzleien umsonst erledigt werden.

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