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21.05.2014 | Autor/in: Mathieu Klos
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Die Welt rettet man nicht an einem Tag

König von Rumänien

Deutlichen Worten folgen deutliche Taten. Falk Würfele will mit seinem Hilfsprojekt rumänischen Straßenkindern eine Bildungschance geben.

Er ist ein Mann deutlicher Worte: „Zwischen den EU-Subventionen für Rumänien und der Flatrate-Prostitution in Deutschland gibt es einen Zusammenhang“, nennt der Rumänienkenner Prof. Dr. Falk Würfele Missstände in der Europäischen Union beim Namen. Das erklärt er so: „Die EU-Subventionen zwingen die rumänische Regierung zu Steuerhöhungen und Lohnkürzungen bei Staatsbediensteten. Bei Monatsgehältern von 200 bis 600 Euro wurde die nicht sonderlich wohlhabende Mittelschicht extrem belastet. Inzwischen verdingen sich sogar Töchter aus Beamtenfamilien als Prostituierte in Westeuropa, statt zu studieren. Dazu tragen Deutschland und die EU durch falsch gesetzte Hilfe leider bei.“

Falk Würfele

Falk Würfele

Der Düsseldorfer Wirtschaftsanwalt klagt nicht nur an, er ist auch ein Mann der Tat. Seit acht Jahren lebt und ­arbeitet der 47-Jährige in Bukarest – mittlerweile rund zwei ­Wochen im Monat. Spätabends, wenn er von seinem ­Appartement zu seiner angestammten Jazzkneipe geht, fallen ihm immer wieder die vielen Straßenkinder im ­Zentrum der ­rumänischen Hauptstadt auf. Die Bilder von bettelnden Kindern, die im Winter in Pappkartons auf der Straße ­hausen, flimmern auch über deutsche Bildschirme. Falk Würfele, der selbst drei Kinder hat, sieht sie jeden Abend live. „Irgendwann konnte ich nicht mehr wegsehen.“

Er setzt sich eines Abends zu den Kindern und fragt sie, wer sie sind und was sie auf der Straße tun. Sie fragen ihn, wer er sei. „Der König von Rumänien“, antwortet er auf Rumänisch. Er will eine Reaktion provozieren, um ins Gespräch zu kommen. Seither spricht er immer wieder mit den Kindern, findet heraus, dass sie ganz normale Träume haben. Sie wollen Pilotin, Rennfahrer oder Prinzessin werden.

„Sie haben einen normalen Wissensdrang, wie alle Kinder“, erklärt Würfele. Vor drei Jahren gründet er eine Straßenschule. „Unser Ziel ist es, die Idee von Bildung in ihren Köpfen zu pflanzen, damit sie wieder zur Schule ­gehen.“ Dann findet Würfele wieder klare Worte: ­„Diese Kinder stammen zu 90 Prozent aus Zigeunerfamilien. Sie werden von ihren Eltern zum Betteln auf die Straße ­geschickt. Eigentlich könnten sie eine Schule besuchen.“

„Von Piloten und Prinzessinnen“ betreut derzeit zwölf Kinder. Würfele trägt die Kosten. „Mit 3.000 bis 5.000 Euro regelmäßigen Spenden im Monat könnten wir hier sehr viel bewegen“, so der Anwalt. Zurzeit bekommt er nur sporadisch Unterstützung aus Deutschland. Vor Ort betreut eine Straßenarbeiterin die Kinder. Gespräche und kleine Bildungsangebote sollen ihren Wissendurst anregen.

Jetzt geht das Hilfsprojekt den nächsten Schritt. ­Würfele mietet ein Ladenlokal an und eröffnet demnächst ein Straßenkaffee als feste Anlaufstelle. Hier treffen sie Gesprächspartner, lesen Bücher, bekommen medizinische Erstversorgung und eine warme Mahlzeit. „Wir geben den Kinder einen Schutzraum, in dem sie den Respekt erfahren, den ihnen ihre Familien verweigern“, erklärt der ­Anwalt. Vor allem die Mädchen würden in den Familien unterdrückt. Die Familien, aus denen die Straßenkinder in Bukarest stammen, kennt er zum Teil aus seiner anwalt­lichen Arbeit in Deutschland.

Würfele verdient sein Geld mit der Begleitung internationaler Bauprojekte, das Strafrecht bezeichnet der Partner von GTW Rechtsanwälte als sein Hobby. Weil er Rumänisch spricht, wird er von deutschen Gerichten regelmäßig als Pflichtverteidiger rumänischer Straftäter bestellt. „Die klauen hier üblicherweise Stahl oder Kupfer“, erzählt Würfele. Oft sitzen ihm dann muskelbepackte Männer gegenüber. Auch sie wurden in ihrer Kindheit von den Familien erniedrigt und zum Teil misshandelt.

Um für den Schulbesuch zu werben, will er nun mit seinem Projekt aktiv in die Familien der Straßenkinder hineingehen. Dass das wohl die schwierigste Aufgabe sein wird, ist ihm bewusst. Er scheut sie aber nicht. „Wenn eines der Straßenkinder – vielleicht sogar ein Mädchen – Pilotin werden würde, wäre das ein Vorbild für die anderen Kinder und der Einsatz hätte sich gelohnt.“ (Mathieu Klos)

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