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28.05.2013 | Autor/in: Désirée Balthasar
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Interview: Sprachtraining für Jurastudenten

Jurastudenten müssen im Laufe ihres Studiums nicht nur fachliches Wissen erwerben, auch sprachliche Kompetenz ist im späteren Berufsalltag wichtig. Doch Studierende gebrauchen Sprache zunehmend fehlerhaft, weshalb Professorin Dr. Jantina Nord von der Hochschule Wismar das Projekt „Sprache in der Juristenausbildung“ ins Leben gerufen hat.

Im Interview: Jantina Nord von der Hochschule Wismar

Nord, Professorin für Zivil- und Arbeitsrecht, möchte mit dem Projekt Studierende dabei unterstützen, Sprachmängel auszugleichen und verständliche Schriftsätze zu verfassen. Juristen sollten für Jedermann verständlich formulieren, was bei juristischen Inhalten mitunter herausfordernd sein kann. Denn die Adressaten sind nicht nur ihre künftige Anwaltskollegen, sondern vor allem die Mandanten. Daher sollten die juristischen Texte präzise und klar lesbar sein, ohne übermäßig mit Fremdwörtern, Schachtelsätzen oder Substantivierungen überfrachtet zu sein. azur sprach mit Nord über das Vorhaben.

azur: Was ist das Ziel des Projekts „Sprachkompetenz in der Juristenausbildung“?

Professorin Dr. Jantina Nord: Wir möchten damit einerseits sprachliche Grundlagen einüben und andererseits gutes juristisches Formulieren und Argumentieren einstudieren. Damit wollen wir die Defizite auffangen, die die Studierenden von der Schule mitbringen. Eigentlich sind dies ja schulische Lehrinhalte, die Schulen scheinen diese Aufgabe aber nicht mehr bewältigen zu können. Wenn dann fünfzig Prozent eines Erstsemester-Jahrgangs den Konjunktiv nicht sicher beherrschen oder bei der Pluralbildung versagen, haben wir ein Problem.

Wann war für Sie der Zeitpunkt gekommen, etwas dagegen zu unternehmen?

In den letzten fünf bis sechs Jahren bemerkten wir, dass sich die Sprachkompetenz unserer Studierenden rasant verschlechterte. Dabei handelt es sich keineswegs um ein regionales Problem in und um Wismar, denn unsere Studierenden kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Zudem höre ich auf Tagungen zur Fachdidaktik solche Klagen von Kolleginnen und Kollegen aus allen juristischen Studiengängen. Selbst schriftliche Arbeiten im Rahmen des Ersten Staatsexamens strotzen teilweise vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Dabei sollten gerade angehende Juristinnen und Juristen doch eigentlich eine gewisse Affinität zur Sprache mitbringen. Letztlich kamen wir in Wismar zu dem Punkt, an dem wir vor der Entscheidung standen: Entweder wir prüfen die Studierenden raus, die mit ungenügender Sprachkompetenz das Studium beginnen, oder wir bilden sie selbst darin aus.

Sprechen Jurastudenten wirklich so schlechtes Deutsch?

Sie sprechen nicht unbedingt schlechtes Deutsch. Aber sie können die Sprache nicht sicher einsetzen. Das war zumindest unser Eindruck. Um herauszufinden, wo genau die Probleme liegen, haben wir schließlich ein Gutachten bei Dr. André Meinunger, einem Sprachwissenschaftler vom Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, in Auftrag gegeben. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass 75 Prozent der Studierenden über mangelnde Sprachkompetenz verfügen. Die hohe Zahl hat uns natürlich erschreckt. Aber der Gutachter stellte auch fest: Die bisherigen Lehrformate, die die Hochschule Wismar ihren Jurastudenten bietet – etwa Fallstudien-Verhandlungen oder Rhetorikkurse – werden von den Studierenden sehr gut angenommen und führen zu einem enormen Lernzuwachs in Sachen Sprachbeherrschung und juristischer Argumentation. Das machte uns Mut, auch die grundlegenden Sprachdefizite anzupacken. Toll ist, dass unsere Studierenden voll hinter dem Projekt stehen. Es gehört ja Mut dazu, mit einem solchen Projekt an die Öffentlichkeit zu gehen.

 Wie genau soll das Projekt ablaufen?

Start soll noch im Wintersemester 2013 sein. Geplant ist eine Woche allgemeines Sprachtraining zu Beginn des ersten Semesters. Nach Ende des ersten Semesters gibt es einen Folgekurs, bei dem der Fokus auf juristischer Fachsprachlichkeit liegt. Lernziel: Juristische Inhalte präzise und verständlich formulieren. Wir möchten auf diese Weise gleich zu Beginn des Studiums verhindern, dass der juristische Nachwuchs im Bemühen um falsch verstandene Professionalität in das unsägliche Worthülsengeplapper verfällt – das leider allzu üblich ist in der Branche.

 Das Interview führte Désirée Schliwa