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26.03.2013 | Autor/in: Désirée Balthasar
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Umfrage unter Arbeitgebern: Anforderungen an die Jura-Studenten von heute

Noch bis Ende April führt die Universität Hamburg eine Online-Umfrage zu den Anforderungen durch, die Arbeitgeber an Juraabsolventen stellen. Befragt werden Juristen, die bereits im Berufsleben stehen.

Das Team um Juniorprofessor Dr. Matthias Klatt (39) will damit ein umfassendes Modell erstellen, das unter anderem auch Sozial- und Selbstkompetenz mit einschließt. Klatt ist Juniorprofessor für Öffentliches Recht, Europarecht, Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Fakultät für Rechtswissenschaften der Universität Hamburg. Im Interview mit azur erläutert er die Gründe für die Umfrage und was er sich davon erwartet.

azur: Was war der Anlass für diese Umfrage?

Matthias Klatt: Wir wollen auch an der juristischen Fakultät praxisorientiert ausbilden. Darum haben wir uns gefragt: Welche Kompetenzen sollen Studierende am Ende ihres Studiums besitzen? Jenseits der juristischen Fachinhalte ist da Tabula Rasa – es gibt keine weiteren expliziten Lehrziele, nichts. Die Lehre funktioniert im Grunde heute noch wie im 19. Jahrhundert und ist für die aktuellen Bedürfnisse vollkommen dysfunktional.

Woher kommen diese Defizite gerade in der Juristenausbildung?

Jura ist ein sehr strukturkonservatives Fach – die Professoren interessieren sich für Fachinhalte, nicht dafür, was Studierende später brauchen. Auch bei der Karriere der Wissenschaftler steht ganz klar die Forschung im Mittelpunkt. Wer in der Lehre Herausragendes leistet, wird dagegen eher bestraft.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Unser Ziel ist ein umfassendes Kompetenzmodell. Nicht nur spezialisiertes Fachwissen ist wichtig, sondern auch zum Beispiel Kritikfähigkeit. Andere Fähigkeiten wie Sozial-, Methoden-, und Selbstkompetenz werden immer wichtiger. Schließlich muss man im Beruf schnell Verantwortung übernehmen und seine Arbeit reflektiert steuern.

Lassen sich schon Ergebnisse ablesen?

Die Umfrage läuft noch. Immerhin können wir schon jetzt sagen, dass die einzelnen Berufsgruppen auf unterschiedliche Dinge Wert legen. Für eine große Anwaltskanzlei müssen etwa die Englischkenntnisse wasserdicht sein, während das bei Gericht nur eine geringe Rolle spielt.

Unsere Vermutung ist, dass viele Inhalte des heutigen Jurastudiums für das Berufsleben irrelevant sind. Die Universitäten pflegen aber das Vorurteil, eine berufsorientierte Ausbildung sei automatisch unwissenschaftlich. Schnell ist dann die Rede von Jura-Fachhochschulen. Speziell in Jura wird die Bologna-Debatte noch sehr kontrovers geführt, das Fach wehrt sich stur dagegen.

Dabei schließen sich die beiden Aspekte keineswegs aus. Auch in der Wissenschaft muss man beispielsweise gut argumentieren können und Thesen kritisch hinterfragen.

Wie werden Sie die Umfrageergebnisse verwenden?

Die Ergebnisse sollen zunächst in konkrete Lehrveranstaltungen einfließen. Wir arbeiten zum Beispiel an einer Vorlesung zum Thema Grundrechte, die nicht nur juristische Inhalte, sondern auch andere Kompetenzen vermitteln soll. Das angestrebte Kompetenzmodell soll letztlich auch auf andere Lehrveranstaltungen übertragbar sein.

Das Interview führte Désirée Schliwa

Zur Umfrage: http://ww3.unipark.de/uc/juristischeberufe/