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02.08.2011 | Autor/in: Norbert Parzinger
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Studie: Junge Anwälte fordern neue Karrieremodelle

Zwischen den Ansprüchen von Nachwuchsanwälten und den aktuellen Verhältnissen in Wirtschaftskanzleien klafft eine Lücke. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der niederländischen Agentur Temporal Tanja Consulting (TTC).

Die von Taylor Wessing initiierte Studie beschäftigte sich mit den als „Generation Y“ oder „Millennials“ bezeichneten, ab 1979 geborenen Anwälten. Sie werden in fünf Jahren den Großteil der Associates im deutschen Rechtsmarkt stellen. Interviewt wurden insgesamt über 60 High-Potentials aus deutschen und niederländischen Top-50-Kanzleien, rund die Hälfte davon in Deutschland.

Dabei kam heraus, dass sich über die Hälfte der deutschen Befragten jederzeit Alternativen zu ihrem derzeitigen Job vorstellen könnte. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass heutige Berufseinsteiger mit Prädikatsexamina in puncto „Soft Skills“ wesentlich bessere Grundlagen mitbringen als die Absolventen vergangener Jahrzehnte. Gerade weil sie sich ihrer Stärken bewusst sind, fühlen sich viele junge Juristen kaum noch an ihren Arbeitgeber gebunden.

Ein Mindestpensum von jährlich 1.500 Honorarstunden ist für über 80 Prozent der Befragten normal. Allerdings würden ebenso viele einen Teil ihres Gehalts für mehr Freizeit opfern. Nur ein Drittel gab an, sich von Bonuszahlungen motivieren zu lassen. Fast ohne Ausnahme sind die Junganwälte der Meinung, wer auf ein gesundes Gleichgewicht von Beruf und Privatleben achte, sei deshalb nicht weniger ambitioniert. Wer umgekehrt permanente Überlastung hinnehme, dürfe nicht automatisch als besserer Aufstiegskandidat gelten.

Diese Ergebnisse decken sich mit den Resultaten der JUVE-Associateumfrage, an der 2010 insgesamt 3.495 junge Anwälte teilnahmen. Dort nannten die ab 1979 geborenen Teilnehmer etwa auf die Frage, wofür sie ihren derzeitigen Arbeitsplatz aufgeben würden, vor allem mehr Freizeit und bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Für ihre älteren Kollegen standen dagegen bessere Aufstiegschancen und mehr Gehalt im Vordergrund.

Als größte Schwachpunkte wertet die Mehrheit der von TTC befragten deutschen „Millennials“ aber die Motivation der Mitarbeiter und die interne Kommunikation. Hierarchische Strukturen werden weniger akzeptiert denn je. Leistung nach starren Kriterien wie Billable Hours zu messen, halten die meisten Associates für kontraproduktiv. Sie regen stattdessen breite Beurteilungsraster an, die die Erfordernisse der individuellen Aufgabe berücksichtigen.

Obwohl sich die Befragten klar zur Organisationsform der Partnerschaft bekennen, wollen zwei Drittel auch ohne Partnerstatus weiter für ihre Kanzlei arbeiten können. Die Teilnehmer fordern damit nichts Geringeres als den Abschied von einem Karrieremodell, das noch auf die regionalen Ursprünge vieler Großkanzleien zurückgeht: Statt weiterhin Energie mit der Auslese der besten Allrounder zu vergeuden, sollten die Kanzleien komplementäre Talente besser nutzen lernen.

Dass die „Generation Y“ auch bereit wäre, einfach mit den Füßen abzustimmen, zeigt die aktuelle JUVE-Bewerberumfrage: 2010 nannten von 440 befragten Studenten und Referendaren nur noch 56 Prozent eine Kanzlei als Wunscharbeitgeber. Im Vorjahr waren es noch 65,4 Prozent. Unternehmen, Beratungsgesellschaften und der Staatsdienst dagegen legten im gleichen Maße an Attraktivität zu. (NP)

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