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29.07.2008 | Autor/in: Markus Lembeck
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Wertesysteme und Folter: Germanisten und Juristen forschen gemeinsam

An der Universität Tübingen beginnt im Juli ein fächerübergreifendes Forschungsprojekt unter dem Titel „Wertegemeinschaften“.Das Projekt erkundet auf der Grundlage von Sprache und Dialog unterschiedliche Wertesysteme. Die Forscher wollen diese Systeme vergleichen und ihre Spezifika beschreiben. Sie begeben sich auch auf die Suche nach einem speziell europäischen Wertekosmos.
Das Thema wird aus literatur- und rechtswissenschaftlicher Perspektive bearbeitet, um damit der Gefahr zu entgehen, die eigene Wahrnehmung von Werten und Bewertungen als absolut zu setzen. Im Mittelpunkt steht deshalb bewusst nicht ein einzelner philosophischer oder theologischer Wertebegriff: Die Forscher verstehen Werte als dynamische Koordinaten, die sowohl in der literarischen Verarbeitung als auch in der juristischen Verhandlung ihre Kraft entfalten.
Finanziert wird das Projekt mit 750.000 Euro vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg im Rahmen der Zukunftsoffensive IV des Bundeslandes. Als Koordinatoren wirken der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer und der Jurist Heinz-Dieter Assmann in Kooperation mit dem Leiter des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, Frank Baasner. Sie planen ein weltweites Netz von renommierten Universitäten zu knüpfen, an denen Stipendien für Nachwuchswissenschaftler ausgeschrieben werden. Es wird kurze Gastprofessuren, Tagungen und Veröffentlichungen geben. Jährlich sollen zwei Tagungen in Tübingen stattfinden, deren Ergebnisse publiziert werden. In einem ersten Kolloquium zum Thema „Dialog“ vom 20. – 23. November 2008 soll es vor allem um die Unterschiede von Dialogkulturen gehen und darum, den eigenen Dialog an literarischen Darstellungen gemeinsam zu reflektieren und gemeinsam zu relativieren.

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Mit dem Thema Folter befasst sich ein Forschungsprojekt von Literatur- und Rechtswissenschaftlern der Universitäten Konstanz und Münster, das die Volkswagen-Stiftung mit 461.000 Euro fördert.
Das Forschungsprojekt mit dem Namen „Wahrheit und Gewalt – Der Diskurs der Folter“ bearbeiten der Konstanzer Germanist Thomas Weitin sowie von der Universität Münster Jurist Thomas Gutmann, Germanist Detlef Kramer und Rechtshistoriker Peter Oestmann. Ein Anlass ist die Debatte um die mögliche Legitimität der „Rettungsfolter“, wie sie durch den Fall des ehemaligen Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten entfacht wurden, der einem Kindesentführer Folter androhte, um das Opfer zu retten. Zugleich werden in Film und Fernsehen verbreitet Folterszenen gezeigt. Folter erscheint hier oft als effektiv und legitimiert. Die Wissenschaftler gehen von einer schleichenden Relativierung der bislang weithin akzeptierten Ächtung der Folter aus.
Das von der VolkswagenStiftung geförderte Kooperationsprojekt der Universitäten Konstanz und Münster ist angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Rechts- und Literaturgeschichte. Die Forscher betrachten die normative, rechtliche und moralische Ebene und gleichzeitig die historische und ästhetische Ebene der bildenden Kunst und Literatur, in der Gewalt verarbeitet wird.
Teilprojekt 1 geht den Konsequenzen der Sichtbarkeit der Folter speziell durch die Medien nach und spannt dabei den Bogen von der Literatur bis zum Fernsehen und den digitalen Medien. Teilprojekt 2 untersucht gezielt die Auseinandersetzung mit der Folter in den literarischen Werken von E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka, während Teilprojekt 3 untersucht, inwieweit die Unantastbarkeit der Menschenwürde durch die sogenannte Rettungsfolter inzwischen infrage steht. Im Teilprojekt 4 schließlich werden historische Prozessakten des Hochstifts Paderborn auf rechtmäßige und rechtswidrige Folter untersucht.
Im Internet: http://www.volkswagen-stiftung.de/