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30.08.2005 | Autor/in: Markus Lembeck
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Prüfung und Abschied

Am 26. Juli ist es endlich soweit: Nachdem in den Wochen zuvor die Tage länger und die Nächte immer kürzer wurden, befinde ich mich in Albany im Bundesstaat New York, um das Bar Exam zu absolvieren.Mehr als 8.000 Kandidaten haben sich in diesem Jahr für die Anwaltszulassung in diesem Staat beworben, darunter mehr als 2.000 LL.M.s aus dem Ausland. Glücklicherweise muss ich am Morgen des Examens nicht wie hunderte andere um ein Taxi kämpfen, denn die mir zugeteilte „test location“, der Ballsaal eines „Best Western“-Hotels, liegt nicht weit von meiner Unterkunft entfernt. Das Examen selbst läuft nach strengen Vorschriften und sehr standardisiert ab. Selbst die Grösse der transparenten Plastiktüte, das einzige erlaubte Mitbringsel zur Aufbewahrung von Stiften und Verpflegung, ist vorgeschrieben. Jede Tüte wird auf ihren Inhalt überprüft. Als Erkennungszeichen erhält jeder Kandidat ein leuchtend grünes Armband. „Keep this until tomorrow, otherwise you have to check in again!” macht mich der Aufseher auf die Bedeutung des Bandes aufmerksam. Danach kann ich endlich den Saal betreten und meinen mit meiner Prüfungsnummer versehenen Platz suchen.

Im Gegensatz zu manchem amerikanischen Mitstudenten bin ich relativ ruhig. Zwar erzeugt die Prüfungsatmosphäre schon eine gewisse Anspannung, aber für mich geht es doch um vergleichsweise wenig. Das Bestehen des bar exams ist für mich eher das „i-Tüpfelchen“ nach meinem Master-Studium. Für die Arbeit als Jurist in Deutschland ist es aber nicht von Bedeutung. Pünktlich um neun Uhr beginnt die Prüfung und ich öffne den Umschlag mit den Aufgaben. Der erste Tag steht ganz im Zeichen des „New York State Laws“. Nach fünf Essays und 50 Multiple-choice-Fragen bin ich erleichtert, diesen ersten Tag überstanden zu haben. Erschöpft gehe ich zurück in mein Hotel. Später treibt mich der Hunger in die Innenstadt von Albany. Diese scheint von Bar Exam-Kandidaten eingenommen zu sein, denn auf der Strasse und im Restaurant begegnen mir fast ausschliesslich Studenten mit grünem Armband. Vom Taxifahrer erfahre ich, dass diese Zeit des Jahres für sie das beste Geschäft bringt. Auch die Hotels nutzen die Gunst der Stunde für Zimmerpreise, die nicht gerade studentenfreundlich sind.

Am zweiten Tag des bar exams erwarten mich 200 Multiple-choice-Fragen. Bei insgesamt sechs Stunden Bearbeitungszeit bleiben 1,8 Minuten Zeit pro Frage. Eine grosse Herausforderung, da manche Sachverhalte eine ganze Seite umfassen und sich die Antworten oft nur minimal unterscheiden. Trotz der ca. 1.800 Testfragen, die ich im Rahmen meiner Vorbereitung bearbeitet habe, ist dieser Teil der Prüfung für mich als Nicht-Muttersprachler am schwierigsten. Ein Abschweifen der Gedanken kostet die Frage. Hundertprozentige Konzentration ist gefragt und das drei Stunden am Stück, nur unterbrochen durch die Mittagspause. Nachmittags um 16 Uhr ist es endlich soweit: „Time is up!“ Erleichtert und erschöpft lasse ich meinen Bleistift fallen.

Abends treffe ich mich mit vielen meiner Kommilitonen aus Chicago zum Essen und Feiern. Zunächst bei einem netten Italiener und danach ziehen wir weiter in eine Karaoke-Bar. „We are the Champions“ und Frank Sinatra’s „New York“ werden von unerkannten Talenten zum Besten gegeben und passen zur ausgelassenen Stimmung. Glücklich, die Prüfung überstanden zu haben und losgelöst vom Stress feiern wir bis spät in die Nacht.

Viel zu früh am nächsten Morgen startet mein Rückflug nach Chicago. Dort angekommen heisst es Koffer packen und den Auszug vorzubereiten. Meine Möbel habe ich an einen LL.M. aus Georgien verkauft. Dass Ausräumen meiner Wohnung gelingt schneller als erwartet, dank der Hilfe einiger Freunde. Mir wird wieder mal bewusst, wie schnell dieses Jahr vergangen ist. Kaum zu glauben, dass meine Einzugsstrapazen (siehe „35 Quadratmeter in der Windy City“) schon 12 Monate zurück liegen. Mit dem Gedanken, Chicago in wenigen Tagen zu verlassen, kann ich mich noch nicht anfreunden und verdränge diesen lieber. Statt dessen kann ich den Chicagoer Sommer endlich unbeschwert und ohne ein schlechtes Gewissen geniessen.

Doch plötzlich ist der Moment des Abschieds gekommen. Eine letzte Party und manch innige Umarmung – der Abschied fällt nicht leicht. Ich tröste mich damit, Freunde für’s Leben gefunden zu haben. Dass wir uns gegenseitig in unseren Heimatländern besuchen werden steht fest und spätestens zur Fußball-WM 2006 werde ich viele Freunde aus aller Welt wieder treffen. Hinzu kommt die Vorfreude, meine Familie und Freunde in Deutschland wieder zu sehen und von diesem so ereignisreichen Jahr zu berichten.