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26.07.2005 | Autor/in: Markus Lembeck
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Studie offenbart Verbesserungsbedarf im Jurastudium

Mit zum Teil überraschenden Ergebnissen wartet eine umfangreiche Studie des Bundesbildungsministeriums über „Studiensituation und studentische Orientierungen“ auf, zumal für das Fach Rechtswissenschaften: Im Vergleich mit anderen Fächergruppen sieht es bei den Juristen in mancherlei Hinsicht recht ungemütlich aus.Die Daten für die Regierungsstudie wurden im WS 2003/04 zum neunten Mal erhoben und ausgewertet. Projektleiter waren Professsor Dr. Werner Georg und Tino Bargel von der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz. Die erste Befragung dieser Reihe fand im Wintersemester 1982/83 statt.
http://www.bmbf.de/pub/studiensituation_und_studentische_orientierungen_2005.pdf

Ausgewählte Ergebnisse im einzelnen

– Jura-Studierende stammen in der Mehrzahl aus Akademiker-Elternhäusern
Die höchste „akademische Reproduktion“ weisen die Studierenden der Medizin auf: im WS 2003/04 haben 61% von ihnen zumindest einen Elternteil mit Universitätsabschluss. In der Rechtswissenschaft beträgt dieser Anteil noch 51% und hat damit deutlich zugenommen (1993: 42%, 1998: 48%).

– Bei jedem vierten Jura-Studierenden ist auch der Vater Jurist
Die größten Übereinstimmungen mit der Fachrichtung des Vaters bestehen in der Medizin (34%) und in den Naturwissenschaften (34%), gefolgt von den Geisteswissenschaften (33%). Ist der Vater Jurist, dann studieren die Kinder zwar überproportional Jura (26%) – aber auch 21% Geisteswissenschaften.

– Nutzen des Studiums
Die Studierenden verbinden die Erwartungen an eine hohe soziale Position mit der Möglichkeit zur gesellschaftlichen Verbesserung. Dahinter steht bei vielen das Bild des politischen Engagements in gehobener Stellung.

– Geringstes Veranstaltungs-Pensum in der Rechtswissenschaft
Die Angaben für vorgeschriebene Lehrveranstaltungen variieren zwischen den Fächergruppen. Die Studierenden der Rechtswissenschaft berichten von der geringsten Wochenbelastung durch Lehrveranstaltungen, im Schnitt 19,2 Stunden (Wirtschaftswissenschaften 21,5, Medizin 25,9).

– Hohes Leistungsniveau verlangt …
Deutliche Unterschiede treten zwischen den Fächergruppen bei der Einschätzung der Leistungsnormen auf. Am häufigsten kennzeichnen die zukünftigen Mediziner ihr Fach durch ein hohes Leistungsniveau (75%). In der Rechtswissenschaft sagen 64% der Studierenden „sehr zutreffend“ auf die Frage, ob das Leistungsniveau in ihrem Fach hoch ist.

– … aber kaum Feedback
Die Studierenden in der Rechtswissenschaft erleben eine „problematische Arbeitskultur“. Es gibt hohe Anforderungen, aber keine ausreichende Rückmeldung an die Studierenden. Insbesondere fehlt den Studierenden die Möglichkeit zur Zusammenarbeit oder zu Diskussionen. Eigene Interessenschwerpunkte können sie zu selten verfolgen.

– Wenig Kontakt zu Kommilitonen …
18 % der angehenden Juristen haben nie oder selten Kontakt zu ihren Mitstudenten, 26% manchmal, 56% häufig. Damit liegen sie unterhalb des Durchschnitts aller Fächergruppen.

– … und noch weniger Kontakt zu Professoren
Kontakte zu Lehrenden stellen sich in den verschiedenen Fächergruppen sehr unterschiedlich ein. In der Rechtswissenschaft haben nur sehr wenige Studierende häufiger Umgang mit ihren Lehrenden. 43% haben nie mit Professoren Kontakt – und wenn Kontakte bestehen, dann sind sie vorwiegend selten.

– Schlechtes soziales Klima – hohe Konkurrenz
Studierende verschiedener Fächergruppen erfahren das soziale Klima ihres Fachbereichs ganz unterschiedlich. In der Rechtswissenschaft berichten die Studierenden am seltensten von guten Beziehungen, fast die Hälfte verneint sie. Gleichzeitig erfahren sie am häufigsten Konkurrenz unter den Studierenden: zwei Drittel bezeichnen sie als Merkmal ihres Faches.

– Isolation, Entpersonalisierung und Gleichgültigkeit
„Nach wie vor ist der Eindruck der Anonymität, trotz mancher Verringerung, von problematischem Ausmaß für die Studierenden, besonders an den Universitäten. Es wäre darauf zu achten, dass für die Studierenden bei Problemen im Studium Ansprechpartner zu finden und zugänglich sind.“ In allen drei Anonymitätsaspekten der Studie (Isolation, Entpersonalisierung, Gleichgültigkeit) fallen deutliche Unterschiede zwischen den Fächergruppen auf. Die Studierenden der Rechtswissenschaft berichten in jedem Bereich von der größten Anonymität.

– Auffällige Lehrer: auffällig schwach
Die Wirtschaftswissenschaften an Universitäten fallen vorrangig durch Schwächen auf. Die Studierenden bescheinigen ihren Lehrenden am seltensten, dass sie Beispiele und Konkre-tisierungen einbringen. Zusammen mit der Rechtswissenschaft berichten sie auch am seltensten von guten Vorträgen.

– Seltener Computereinsatz
In der Rechtswissenschaft, den Kultur- und Sozialwissenschaften wie auch im Sozialwesen ist der Computereinsatz noch nicht so häufig. Am regelmäßigsten arbeiten Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Wirtschaftswissenschaften mit Computern an der Hochschule.

– Neue Medien? Fehlanzeige
Hinsichtlich der Anwendung neuer Medien in der Lehre können die Fächergruppen der Universitäten und Fachhochschulen in vier Gruppen unterteilt werden; in der Rechtswissenschaft werden neue Medien in der Lehre am seltensten angewendet.

– Studienqualität: „besonders ungünstig“
Bei der Bilanz zur Studienqualität ergibt sich ein klares Ranking der Fächergruppen, folgt man den Urteilen der Studierenden. Am schlechtesten schneidet an den Universitäten das Studium der Rechtswissenschaft ab. Vor allem die Durchführung der Lehrveranstaltungen und die Beratung und Betreuung durch die Lehrenden erfährt eine besonders ungünstige Einschätzung.

– Kürzeste Praktika
In den juristischen Studiengängen dauern die Praktika in 91% der Fälle nur bis zu 3 Monate – mit dem Referendariat folgt allerdings eine ausgiebige Praxisphase, die andere Fächer nicht zu bieten haben.

– Sinkende Erträge im Fachwissen
Der Studienertrag bei den fachlichen Kenntnissen hat seit Anfang der 80er Jahre nach Ansicht der Studierenden in der Medizin und in den Sozialwissenschaften zugenommen. Die Studierenden der Rechtswissenschaften berichten 2004 von einer geringeren fachlichen Förderung als noch Anfang der 80er Jahre (Rückgang von 59% auf 54% bei der Frage „sehr stark gefördert“).

– Arbeitslosigkeit befürchet
Sehr häufig sind Befürchtungen im Hinblick auf die berufliche Tätigkeit in der Rechtswissenschaft. Denn 23% fürchten Arbeitslosigkeit, die höchste Quote im Vergleich der Fächergruppen an den Universitäten.

– Unverzichtbares Staatsexamen?
Nur 39% der Jurastudierenden würden einen Bachelor als ersten Abschluss ablehnen, 29% sagen dazu ja, 32% vielleicht. In anderen Fächergruppen ist die ablehnende Haltung höher.

– Bitte studienbegleitend prüfen!
– 9 von 10 Jurastudierenden befürworten das Kredit-Punkt-System, bei dem die Studienleistungen nicht am Ende in einer alles entscheidenden Prüfung abgefragt werden, sondern semesterweise nachgehalten werden.