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28.06.2005 | Autor/in: Markus Lembeck
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Lernen für das Bar Exam: „… seven days per week“

„Heute beginnt die zweite Hälfte Eures Vorbereitungskurses.“ Mit diesen Worten begrüßt uns der Eastern Regional Director von BarBri, Steve Rubin, über die Leinwand bevor die heutige Videovorlesung in „Evidence“ beginnt. Erschrocken nehme ich zur Kenntnis, dass tatsächlich schon ein Monat der zweimonatigen Vorbereitungszeit vergangen ist. „Wer bis heute noch nicht ernsthaft gelernt hat, sollte nun schleunigst beginnen“, fügt er augenzwinkernd hinzu. (Foto Saal)

Seit vier Wochen bereite ich mich also schon auf das Bar Exam vor. Dieses ist seiner Funktion nach mit dem deutschen Zweiten Staatsexamen vergleichbar. Jedoch befähigt das Bestehen der Prüfung nicht zum Richteramt sondern zur Aufnahme in die Anwaltschaft. Die meisten meiner amerikanischen Freunde haben bereits in ihrem letzten Studienjahr vor Erhalt ihres „J.D.“ (jurisdical doctor) ein lukratives Jobangebot in der Tasche. Für sie ist das Bar Exam somit die letzte Hürde vor dem Anwaltsberuf, während es für uns Ausländer wohl eher eine Zusatzqualifikation oder das „i-Tüpfelchen“ nach bestandenem LL.M. bedeutet. Im Unterschied zu den deutschen Examina zählt nur das Bestehen, die erzielte Punktzahl ist gleichgültig.

Mein BarBri-Kurs beginnt Ende Juli mit Criminal Law und Criminal Procedure. Zumindest hier bewege ich mich noch auf mir bekanntem Terrain. Viele Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Straf- und Strafprozessrecht (schließlich wird die „fruit of the poisonous tree doctrine“ wohl in jeder StPO-Vorlesung erwähnt) erleichtern das Lernen. Doch dies ändert sich schnell in den darauffolgenden Tagen. Schlag auf Schlag folgen Vorlesungen in Real Property, Constitutional Law, Contracts und das New York Practice Law. Während die Amerikaner in ihrem Jurastudium ganze Semester mit diesen Fächern verbringen, verwendet der BarBri-Kurs nur noch durchschnittlich drei Tage pro Fach. Dabei werden keine Fälle mehr besprochen, sondern nur noch die Essentials zum Bestehen des Examens hervorgehoben. Aber auch diese Reduzierung auf das Wesentliche lässt bei 23(!) Prüfungsfächern keine Langeweile aufkommen. Das „paced program“ für den BarBri-Kurs gibt einen Anhaltspunkt für das tägliche Arbeitspensum. „Five to nine hours per day not including time spent in lecture, six days (im letzten Monat) seven days per week.” Und dies gilt für amerikanische J.D.s! Overwhelming! Begriffe wie „fee simple absolute“ und dem dazugehörigen „future interest possibility of reverter“ (!?) höre ich zum ersten Mal. Auch wenn man als deutscher Jurastudent das Lernen gewohnt ist, so ist die zu bewältigende Stofffülle in so kurzer Zeit doch überwältigend. Zumindest beruhigt es mich, dass es allen so geht.

(Foto Marhenke, blätternd)

Unterdessen hat in Chicago die schönste Jahreszeit begonnen. Seit einigen Wochen strahlt die Sonne bei 25-30 Grad Celsius vom blauen Himmel und verlockt, die Zeit am Strand zu verbringen und sich im Lake Michigan abzukühlen. Zahlreiche Events wie das weltweit größte Blues-Festival, Open-Air-Konzerte und das kulinarische Highlight „A Taste of Chicago“ im Grand Park bieten ein reizvolles Alternativprogramm zum Aufenthalt in der Bibliothek. Disziplin ist gefragt! Doch zumindest am Wochenende gönne ich mir ein paar freie Stunden, um den Sommer in Chicago zu genießen.

Bleibt die Frage, warum ich mich überhaupt zu dieser „Quälerei“ entschieden habe. Zum einen sage ich mir, dass es nur zwei Monate Schufterei sind, die (hoffentlich) zur Anwaltszulassung in New York führen. Diese einmalige Gelegenheit möchte ich daher nicht verpassen. Zudem kann ich mir sehr gut vorstellen, in naher Zukunft in den USA länger als ein paar Monate zu arbeiten. Ein bestandenes Bar Exam erhöht hierbei sicherlich die Chancen. Last, but not least, bekomme ich durch die Vorbereitung auf das Bar Exam, insbesondere in den „multistate topics“ (Criminal Law/Criminal Procedure, Constitutional Law, Contracts, Evidence, Real Property, Torts) einen umfangreichen Überblick über das amerikanische Recht, der mir so im LL.M.-Studium aufgrund meiner Konzentration auf wirtschaftsrechtliche Kurse nicht vermittelt wurde. Bis Ende Juli werde ich mich noch intensiv mit diesen Fächern und dem Recht des Staates New York beschäftigen. Dann folgt die zweitägige Prüfung, bestehend aus fünf Essay- und 250 Multiple Choice Questions. Die Prüfung für sich soll schon ein Erlebnis sein, denn ich werde mit einer vierstelligen Zahl von Prüflingen in Albany, New York, sitzen und schwitzen. Nach dem Überstehen dieser letzten Hürde wird die Freude sicher groß sein und zu ausgelassenen Feiern in Albany und Chicago führen. Wenig später heißt es dann auch für mich, meine Koffer zu packen, denn Anfang August werde ich Chicago verlassen und nach Deutschland zurück kehren. Nach diesem unvergesslichen Jahr sicher kein Abschied für immer!