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22.02.2005 | Autor/in: Markus Lembeck
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„Jeder Student trägt zur Lernerfahrung der anderen Studenten bei“

LL.M.-Student Ulf Marhenke sprach für azur-online mit einer seiner Dozentinnen in Chicago: Lynn Cohn, Direktorin des Instituts für Verhandlungsführung und Mediation an der Northwestern University School of Law, erzählt über ihre juristische Karriere sowie ihre Erfahrungen als Mediatorin und Dozentin.Ulf Marhenke: Warum haben Sie Jura studiert?

Lynn Cohn: Ehrlich gesagt gab es dafür keinen besonderen Grund. Vor Studienbeginn hatte ich keine Ahnung, wie die Arbeit eines Rechtsanwalts aussehen könnte. Ich bin nur gerne zum College gegangen und daher stand für mich fest, dass ich meine Ausbildung an der Universität fortsetzen wollte.

Marhenke: Wie verlief Ihr Studium?

Cohn: Ich würde mich nicht gerade als zielstrebige oder besonders ehrgeizige Studentin beschreiben. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kommilitonen fing ich auch nicht bei einer großen Kanzlei an zu arbeiten, sondern in der Rechtsabteilung einer Chicagoer Bank. Wegweisend für meine berufliche Laufbahn war meine Teilnahme am Kurs in Verhandlungsführung von Professor Stephen Goldberg. Ich war fasziniert von den verschiedenen Verhandlungstaktiken. Später wurde ich seine wissenschaftliche Mitarbeiterin, was mir wertvolle erste Lehrerfahrungen brachte.

Marhenke: Wie haben Sie sich in dem Feld Alternative Dispute Resolution einen Namen gemacht?

Cohn: Nach meinem Studienabschluss und meiner ersten Lehrerfahrung stand für mich fest, mich mehr mit Verhandlungsführung und Mediation zu befassen. Jedoch war dies leichter gesagt als getan. Zum damaligen Zeitpunkt waren überwiegend Männer als Mediatoren tätig. Zumeist erfahrene Richter oder Prozessanwälte. Viele sagten mir dass ich es „nicht schaffen werde“.

Dann wurde mir angeboten, an der Northwestern School of Law Verhandlungsführung zu unterrichten. Stephen Goldberg kannte mich ja noch als seine Studentin. Dies war ein wichtiger Schritt für mich, denn somit konnte ich einerseits unterrichten und andererseits als Mediatorin praktizieren. Zunächst habe ich nur ehrenamtlich oder für geringe Bezahlung überwiegend auf kommunaler Ebene Mediationen durchgeführt. Dies führte zu einem gewissen Bekanntheitsgrad, so dass ich auch meine ersten privaten Mediationsanfragen erhielt. Mit der Zeit gelang es mir, mich insbesondere im Bereich der Bürgerrechte und des Arbeitsrechts zu etablieren. Ehemalige Auftraggeber empfahlen mich weiter und ich wurde im Chicagoer Raum bekannter.

Entscheidende Momente für meinen weiteren Werdegang waren dann meine Ernennung als Direktorin des Instituts für Verhandlungsführung und Mediation sowie meine Berufung als verantwortliche Mediatorin in einer Sammelklage gegen Merrill Lynch.

Dies alles führte dazu, dass ich heute sehr viel um die Ohren habe, vom Unterrichten an der Northwestern über Trainings in Law Firms bis zu wöchentlichen Mediationen.

Marhenke: Zum Ende des letzten Semesters sagten Sie, dass Sie uns allen einen derartig erfüllenden Beruf wünschen, wie das Unterrichten für Sie ist. Warum ist das Unterrichten an der Uni für Sie eine derartig dankbare Aufgabe?

Cohn: Ich bin dankbar dafür, dass ich einen Beruf habe, der mir Spaß bringt und den ich mit Leidenschaft ausübe. Insbesondere freue ich mich, dass ich durch mein Unterrichten in Verhandlungsführung und Mediation einen Einfluss auf die Streitkultur hier – und durch die LLM-Studenten sogar in anderen Ländern – haben kann. Manchmal frage ich mich, wie ich soviel Glück haben konnte.

Marhenke: Warum ist Mediation für Sie so interessant?

Cohn: Mediation lehrt Lebensweisheiten. Es ist okay, etwas nicht zu wissen und es gibt nicht nur eine Sicht der Dinge. Mediation ist für mich eine „Oase in der Prozesswelt“, die für beide Parteien oft vorteilhafter ist, als ein Urteil.

Mediation zu lehren ist für mich faszinierend, weil es eine persönliche Zusammenarbeit mit den Studenten ermöglicht. Jeder entwickelt im Laufe des Kurses eine Leidenschaft für diese Art der Streitschlichtung.

Marhenke: Welchen Einfluss haben die LLMs auf die Law School?

Cohn: Die Anzahl der LLMs ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Ein Drittel meiner Studenten sind LLMs. Jeder von Ihnen bringt einen kulturellen Aspekt in den Kurs und trägt zur Lernerfahrung der anderen bei. Gerade in „Verhandlungsführung“ entsteht durch die vielen Simulationen und Feedbackgespräche eine Klassengemeinschaft, in der sich die Teilnehmer besonders intensiv kennen lernen. Die Lernkurve ist daher sehr steil.

Marhenke: Viele Universitäten in den USA bieten ein LLM-Programm an. Was unterscheidet Northwestern von anderen Law Schools?

Cohn: Die Gemeinschaft an der Uni. Sie ist geprägt von Toleranz und kultureller Vielfalt. Zudem gestalten die Studenten vieles selbst, wie z.B. das „International Team Project“ (Anm. von UM: Ein Projekt, in dem Studenten das Rechtssystem eines Landes studieren und dieses auch besuchen, in diesem Jahr z. B. China) oder das „Lawyers as Problem Solvers“-Projekt. Diese „Student Leadership“-Komponente charakterisiert Northwestern.

Marhenke: Wie sehen Sie die Zukunft der Mediation in Europa und insbesondere in Deutschland?

Cohn: Entscheidend für die Entwicklung ist jeweils wie unterschiedliche Kulturen Streitigkeiten lösen. Ich bin davon überzeugt, dass Mediation auch in Deutschland an Bedeutung gewinnen wird.

Marhenke: Und wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Cohn: Sobald meine Kinder älter sind möchte ich verstärkt international arbeiten. Ich habe im letzten Sommer an einer Universität in Ghana unterrichtet. Ein tolles Erlebnis, meine Erfahrungen weiter zu geben und von anderen Menschen und Kulturen zu lernen.