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25.01.2005 | Autor/in: Markus Lembeck
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Ehrensache: Prüfungen ohne Aufsicht

Es wird Ernst. Der November scheint noch schneller zu vergehen als die vorigen Monate, und die Abschlussprüfungen des ersten Semesters beginnen bereits Anfang Dezember. Glücklicherweise enden nur zwei meiner Kurse mit einem Examen. Die Endnote in Common Law Reasoning besteht zu einem großen Teil aus der Bewertung des Memos, welches wir zu einem fiktiven Fall im Internetrecht schreiben müssen. Eine Arbeit, die für mich als frisch von der deutschen Uni kommenden und vom Gutachtenstil geprägten Juristen ungewohnt und nicht immer interessant ist.

Das Abschlussprojekt in Verhandlungsführung ist hingegen wesentlich spannender. Mit zwei amerikanischen JD’s und einer LLM-Kollegin aus der Schweiz führen wir eine Studie durch, um den Einfluss unterschiedlicher Kulturen auf Verhandlungen zu untersuchen. Eine Frage zum Beispiel: Welchen Einfluss haben Rangunterschiede sowie die Vermischung von professionellen und persönlichen Interessen auf Verhandlungsergebnisse? Die Ergebnisse der Studie präsentieren wir Ende November auf einer „class party“ unserer Professorin und dem gesamten Kurs. Somit kann ich bereits zwei Kurse abschließen, bevor die Examensphase überhaupt begonnen hat.

In der verbleibenden Zeit kann ich mich daher voll und ganz auf meine Examen in Mediation und Mergers & Acquisitions konzentrieren. Der Ablauf dieser beiden Prüfungen unterscheidet sich gravierend von allem, was ich aus Deutschland gewohnt bin. Innerhalb der zweiwöchigen Prüfungszeit kann ich selbst entscheiden, wann ich die Examen schreiben möchte. Für mein „closed book“ Mediationsexamen habe ich zwei Stunden Zeit. Die Sekretärin gibt mir den Prüfungstext und verabschiedet mich mit den Worten „I’ll give you ten minutes travel time so that you can get to the library.”

Mir erscheint die Tatsache, ein “closed book exam” in der Bibliothek ohne Aufsicht zu schreiben, ziemlich merkwürdig. Doch ist dieser Ablauf hier völlig normal. Es gilt der „honor code“ der Law School, bei dessen Verstoß die juristische Karriere – insbesondere fuer die JD’s – ruiniert sein kann. Somit gehören Studenten, die von der Bibliothek zum Registrar Office sprinten, um innerhalb der vorgeschriebenen Prüfungszeit (je nach Fach zumeist zwischen zwei und vier Stunden) zu bleiben, in diesen Tagen zum üblichen Bild an der Law School. Auch ich beende auf ähnliche Weise mein erstes Examen und bin froh, nur noch eine Prüfung vor mir zu haben.

Diese letzte Hürde vor den verdienten Winterferien erweist sich allerdings auch als besonders hoch. Die in meinem letzten Beitrag bereits erwähnten Professoren Lys und Barack haben sich ein 24-Stunden „take-home exam“ mit diversen Fragestellungen aus dem betriebswirtschaftlichen und juristischen Bereich ausgedacht. Bemerkenswert ist neben der für deutsche Verhältnisse ungewohnten Prüfungszeit der Ablauf der Prüfung. In dem Moment, in dem ich mir die Fallstudie von der Internetseite herunterlade, beginnt die Uhr zu ticken. Nach 23 Stunden Kampf mit Bilanzierung, Unternehmensbewertung und juristischen Fragestellungen bin ich völlig fertig und urlaubsreif.

Ich freue mich auf die zwei Wochen Ferien und den Besuch meiner Familie über Weihnachten. Eine rauschende „Abschiedsparty“ bei Carlos aus Costa Rica beendet das ereignisreiche erste Semester. Ein bisschen Wehmut mischt sich in die ausgelassene Partystimmung, denn die Monate vergingen viel zu schnell und keiner mag an das Ende des LLM-Jahres im Mai denken. Doch glücklicherweise haben wir ja noch ein paar gemeinsame Monate!

Im Gegensatz zu den meisten meiner Kommilitonen fliege ich nicht nach Hause, sondern verbringe die Feiertage gemeinsam mit meiner Familie in Chicago. Chicago zur Winterzeit – viele hatten mich vor den eisigen Temperaturen gewarnt! Tatsächlich ist es bei der Ankunft meiner Mutter und meiner Schwester sonnig bei minus 20 Grad Celsius! Der im Uferbereich zugefrorene See bietet mit riesigen Eisschollen einen tollen Anblick. Und auch die vor Weihnachtsbeleuchtung erstrahlende Michigan Avenue lädt zum Flanieren ein – trotz des eisigen Windes. Zum Aufwärmen geht’s einfach in den nächsten Starbucks.

Ich genieße es, Chicago als Tourist kennen zu lernen, denn zum Sightseeing verblieb in den letzten Monaten kaum Zeit. Dabei gibt es viel zu sehen! Angefangen vom Art Institute mit seinen impressionistischen Kunstwerken über die Architekturvielfalt der Innenstadt bis zum atemberaubenden Blick auf die Skyline aus dem 95. Stock des Hancock Towers. Chicago begeistert nicht nur mich, sondern zieht auch meinen Besuch in seinen Bann.

Nach zwei erholsamen Wochen freue ich mich auf das zweite Semester, meine neuen Kurse und das Wiedersehen mit meinen aus den Ferien zurückkehrenden Freunden. Das Jahr beginnt mit aufregenden Ereignissen: Ein Global Village der LLMs in der Law School, um unsere Heimat den Amerikanern vorzustellen. Die New York University Job Fair Ende Januar erwarte ich mit Spannung. Mein erstes Mal in New York City! Und die Hoffnung, mit einem Job in den USA nach Chicago zurück zu kehren. Achtzig LLM’s alleine von der Northwestern an einem Wochenende gemeinsam in New York … sounds like fun! Doch dazu mehr im nächsten Monat!