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21.12.2004 | Autor/in: Markus Lembeck
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Kein Seminar verpassen – und keine Party

Nach einer aufregenden, anstrengenden und vor allem erlebnisreichen Orientierungswoche kann der Alltag an der Northwestern beginnen. Mergers & Acquisitions steht auf dem Programm, ein sog. Joint Law-Kellogg Course, indem sowohl die juristischen Inhalte als auch die betriebswirtschaftlichen Themen behandelt werden.
Mir graut schon vor den mathematischen Formeln zur Bewertung von Unternehmen und anderen Herausforderungen, auf die das Jurastudium einen nicht wirklich vorbereitet. Ich tröste mich damit, dass ich diese Sorge – und das rudimentäre Wissen oder auch Nicht-Wissen – mit dem einen Drittel LL.M.s des Kurses teile. Die anderen zwei Drittel sind MBA-Kandidaten der Kellogg School of Management. Das diese MBAs zurecht zu den Besten des Landes zählen und eine große Hilfe beim Lösen nicht nur der mathematischen Herausforderungen sind, stellt sich schnell heraus.

Trotzdem bin ich von der ersten Stunde an begeistert. Peter Barack, Rechtsanwalt einer auf M&A spezialisierten renommierten Chicagoer Kanzlei, sowie Professor Thomas Lys, Kellogg-Finanzexperte, verstehen es, den umfangreichen Stoff unterhaltsam und locker zu vermitteln. Etwas schwerer verdaulich sind die zum Teil überwältigenden reading-assignments von bis zu 300 Seiten. Diese schlafraubenden Hausaufgaben werden „aufgelockert“ durch group projects, in denen wir mit den MBA’s an Fallstudien arbeiten. Eine besonders praxisnahe Erfahrung der Zusammenarbeit zwischen Juristen und angehenden Investmentbankern.

Nach diesem regelmäßig extremen Wochenbeginn sorgen „Mediation & Advocacy“ und Verhandlungsführung für weitere willkommene Abwechslung. Geprägt von Simulationen, Feedback zu den einzelnen Verhandlungen und dem Besprechen von Verhandlungstaktiken sind beide Kurse sehr lehrreich. Zusätzlich bereichert die Kurszusammensetzung aus LLM’s und JD-Studenten. Kulturelle Unterschiede zwischen Europäern, Asiaten und Amerikanern, die bei den Simulationen auftreten, machen mir die zusätzlichen Probleme internationaler Verhandlungen bewusst. Beispielsweise ist der Rangunterschied zwischen Verhandlungspartnern für Asiaten von größerer Bedeutung für das Verhandlungsergebnis als für Amerikaner. Bemerkenswert ist auch, dass sowohl Amerikaner als auch Europäer in Verhandlungen schnell zum Punkt kommen, während dies für viele Asiaten eher ungewöhnlich ist. Neben diesen faszinierenden Kursen begeistert mich der persönliche Austausch mit den Profs. So observiere ich bereits in der zweiten Woche eine von meiner Professorin durchgeführte Mediation – Professionals at work!

Doch auch neben der Uni gibt es Leben! Angefangen vom Jazz-Festival im Grand-Park am Labor Day-Wochenende mit rauschender After-Party in schwindelnder Höhe im Apartment eines argentinischen Mitstudenten über eine „Fiesta Mexicana“ zum mexikanischen Unabhängigkeitstag bis zu den allwöchentlichen „Bar Reviews“ (die Gelegenheit, jede Woche mit den JD’s in einer anderen Bar zu feiern) – der Spaßfaktor kommt nicht zu kurz! Hinzu kommt das herrliche Spätsommerwetter mit Temperaturen „in the upper 70s“ (um die 25 Grad Celsius). Da ist die Verlockung groß, wenn die Fenster der Bibliothek direkt den Blick auf den endlosen See freigeben und der Strand nur 10 Minuten Fußweg entfernt liegt.

Bei all diesen Eindrücken, Erlebnissen und Herausforderungen des neuen Lebensabschnitts fällt es manchmal schwer, alles unter einen Hut zu bekommen. Der eigene Anspruch, gut vorbereitet in die Kurse zu gehen, sowie die zunehmenden Anforderungen der Law School stehen in krassem Widerspruch zum Wunsch, keine Veranstaltung und keine Party zu verpassen – Einsatz bis an die Grenzen ist gefragt!

Mein positives Gefühl des „Wirklich angekommen“-Seins der ersten Tage wandelt sich in ein faszinierendes Zusammengehörigkeitsgefühl mit neuen Freunden aus aller Welt. Die Gemeinsamkeit, fern ab von Heimat, Familie und Freunden ein unglaublich aufregendes Stück Leben gemeinsam zu genießen, schweißt zusammen! Erschreckend ist nur, wie schnell die Zeit vergeht. Im Handumdrehen sind die ersten acht Wochen in dieser tollen Stadt um. Mein Leben zwischen Hancock Tower und Lake Michigan ist zur Normalität geworden. Doch die nächsten spannenden Ereignisse stehen bevor… Uns stehen die ersten Prüfungen ins Haus. Die (An-) Spannung steigt und die Stunden in der Bibliothek werden länger. Zu diesen Erfahrungen in und außerhalb der Law School jedoch beim nächsten Mal mehr Details!

Sie können Ulf Marhenke eine E-Mail schreiben unter: ulf.marhenke@web.de