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26.08.2003 | Autor/in: Markus Lembeck
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Sommerkurs in Florenz: Europarecht und beeindruckende Atmosphäre

Vom 30. Juni bis 11. Juli 2003 fand der diesjährige Sommerkurs für Europäisches Recht, veranstaltet vom Europäischen Hochschulinstitut (EUI, European University Institute) in Florenz, statt. Florian Stork, Doktorand aus Köln, berichtet für azur-online über Inhalte, Ablauf und Besonderheiten.Die Summer Sessions sind mittlerweile eine Institution am EUI: Durchgeführt von der angegliederten Academy of European Law, bringen sie ca. 60 Teilnehmer aus aller Welt, zum größten Teil aus Europa, mit international anerkannten Praktikern und Professoren zusammen.

Genau wie der stets vorangehende und ebenfalls zwei Wochen dauernde Sommerkurs über Menschenrechte (in diesem Jahr unter dem Titel: „Labour Rights as Human Rights“, vom 16. – 27. Juni) steht auch der Kurs für Europäisches Recht in jedem Jahr unter einem neuen, aktuellen Thema. Im Sommer 2003 drehte sich alles um „EU Law and the Welfare State: In Search of Solidarity“.

Jede dieser Sommerakademien ist von ihrem Aufbau her dreigeteilt. Zunächst gibt es eine zweistündige allgemeine Einführungsveranstaltung, die sog. „Distinguished Lecture“. Sie wurde in diesem Jahr von Jaqueline Dutheil de la Rochère, der Präsidentin der Uni Panthéon-Assas (Paris II) über den Weg zur Europäischen Verfassung gehalten. Es war übrigens auch die einzige Veranstaltung in Französisch, was für die Nicht-Frankophonen jedoch dadurch gemildert wurde, dass eine Simultan-Übersetzung ins Englische angeboten wurde.

Englisch und ein wenig Italienisch

Die restlichen Kurse wie auch die Gespräche mit anderen Teilnehmern fanden dagegen allesamt auf Englisch statt, oft auch zwischen Landsleuten, um andere Zuhörer nicht auszuschließen. Überdurchschnittliche Englischkenntnisse, möglichst auch im Hinblick auf die juristische Fachsprache sollten daher mitgebracht werden.

Schön ist es auch, wenn man dazu noch ein wenig Italienisch versteht. Zwar handelt es sich bei den Teilnehmern wie auch generell bei den Institutsangehörigen um eine kleine „Scientific Community“, so dass man notfalls auch mal den Fakt ignorieren kann, dass man sich in Italien befindet, trotzdem hat man im EUI selbst oft und außerhalb natürlich immer vielfältige Gelegenheit, mit Italienern ins Gespräch zu kommen.

Auf die „Distinguished Lecture“ folgen die fünf sog. „Specialized Courses“ von jeweils sechs Stunden als zweiter Baustein des Sommerkurses. Diese beleuchten das Thema des jeweiligen Jahres aus unterschiedlichen Perspektiven und beschäftigen sich mit Einzelaspekten. Sie wurden in diesem Jahr von einem Politikprofessor, Maurizio Ferrera und einem Geschichts- und Soziologie-Professor, Jonathan Zeitlin gehalten.

Zusätzlich sprachen noch ein griechischer „Visiting Professor“ und Rechtsanwalt, Vassilis Hatzopoulos sowie zwei „Legal Secretaries“ vom wissenschaftlichen Dienst des EuGH, Siofra O’Leary und Julio Baquero-Cruz. Die Qualität der Vorlesungen variierte stark, obwohl die meisten Dozenten sich Mühe gaben und uns ihr Thema auch mit Hilfe von Powerpoint-Präsentationen näher zu bringen versuchten.

Hervorragender General Course mit Gráinne de Búrca

Als letzte Veranstaltung findet in jedem Jahr ein sog. „General Course“ statt, der in diesem Sommer von Gráinne de Búrca gehalten wurde, Professorin in Oxford und Mitglied der Abteilung Rechtswissenschaften des EUI. Sie war mir vorher nur ein Begriff durch ihr Buch „EU Law“, das sie zusammen mit Paul Craig verfasst hat. Den durch das Lehrbuch geweckten Erwartungen ist sie vollauf gerecht geworden, ihre Vorlesung „Constitutional Limits of EU Action“, die sich im Gegensatz zu den anderen über die doppelte Zeit erstreckte (12 Stunden), war hervorragend und hat mir persönlich viele neue Denkanstöße gegeben.

Insgesamt hatten wir also 44 Stunden Vorlesung in zwei Wochen, zusätzlich eine Bibliotheksführung und – am letzten Tag – unser Abschlussexamen, letzteres, um das berühmt-berüchtigte „Diploma“ der Akademie zu erlangen. Ein Drittel der Teilnehmer, also etwa 20 Leute, hatten sich entschlossen, daran teilzunehmen. Allerdings bestehen es pro Jahr höchstens ein bis zwei Personen, denn es setzt – abgesehen von regelmäßiger Teilnahme an den Vorlesungen – auch „fortgeschrittene Kenntnisse“ im jeweiligen Gebiet voraus, d. h. man sollte sich schon vorher einmal mit dem jeweiligen Thema beschäftigt haben.

Auch in diesem Jahr drehten sich die Aufgaben daher um die in der Sommerakademie behandelten Fragen, verlangten jedoch nicht nur eine Reproduktion des Gelernten, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Stoff sowie einen Ausblick auf künftige Entwicklungen. Wer keinen Laptop mitgebracht hatte, konnte das Examen auch handschriftlich schreiben, musste aber binnen einer Woche eine elektronische Version seiner Antworten abliefern.

Die Lizenz zum Socializing

Nachdem wir von Gráinne de Búrca schon nach dem ersten Kurstag die Lizenz zum „Socializing“ bekommen hatten, trafen wir uns regelmäßig auf verschiedenen „Piazzi“ in Florenz. Es war eine sehr anregende Atmosphäre mit so vielen jungen Leuten aus verschiedenen Ländern (von denen die meisten mit dem Studium fertig waren und gerade ihren ersten Job begonnen hatten oder noch an ihrer Doktorarbeit saßen), die jedem Teilnehmer vielfältige Möglichkeiten eröffnete, freundschaftliche und berufliche Kontakte zu knüpfen. Dieser Faktor ist mindestens genau so wichtig wie die Kursteilnahme selbst und wird dementsprechend – völlig zu Recht – auch als informeller Bestandteil der Sommerakademie angesehen.

Florenz als Stadt ist einfach umwerfend und lässt einem mit den vielen Sehenswürdigkeiten und der angenehmen, mediterranen Atmosphäre leider nicht mehr allzuviel Zeit, um die Kurse angemessen vor- und nachzubereiten. Abstriche bei dem ein oder anderen sind dann unvermeidlich … Am Wochenende bieten sich Ausflüge mit Auto, Bahn oder Bus und 3-4 anderen, netten Leuten in toskanische Städte wie Cinque Terre, San Gimignano, Siena oder Volterra oder einfach nur an den Strand zum Erholen an (Auto mit Versicherung und Benzin ca. 150 Euro fürs Wochenende über eine studentische Autovermietung).

Das EUI, das in den Hügeln von Fiesole über Florenz untergebracht ist, beeindruckt ebenfalls mit Ausstattung und Architektur. Nicht nur versammeln sich hier einige der angesehensten Professoren für europäisches und internationales Recht, auch die Atmosphäre in den historischen Gebäuden beeindruckt sehr. Die Route vom Busstop „San Domenico“ (Ausstieg nach „Ospedale“) verläuft abenteuerlich: es gilt eine Engstelle zu passieren, in der genau ein Auto und ein Fußgänger nebeneinander Platz finden – wenn das Auto langsam fährt.

Um alle Interessenten vor dem falschen Ausstieg zu bewahren, falls sie eines Tages dieselbe Route nehmen: Es ist nicht bereits die Haltestelle „di San Domenico“, es sei denn, man wollte einen halbstündigen Fußmarsch bergauf absolvieren (dann sollte man aber früher aufstehen…).

Bewerbung für ein DAAD-Stipendium nicht vergessen

Bewerbungsschluss für die Akademie war im Jahr 2003 der 30. April. Für die Teilnahme am Sommerkurs war eine Gebühr von 320 Euro zu überweisen, die sich auf 450 Euro (statt 640 Euro) erhöht, wenn man auch den vorhergehenden Menschenrechts-Kurs besuchen möchte. Darin enthalten sind Teilnahme, Kursmaterialien (ein Konvolut von Skripten, die das Gepäck definitiv schwerer als 20 kg werden lassen…) und Essen in der institutseigenen Mensa.

Zur Anreise ist ein Flug mit einer Billig-Airline nach Pisa oder Bologna zu empfehlen, Florenz wird bisher leider nicht direkt angeflogen. Von dort erreicht man Florenz dann aber per Bahn binnen 1-2 Stunden, besonders Pisa mit seiner Bahnanbindung direkt am Flughafen erleichtert das Reisen sehr.

Zusammen mit Unterkunft und Lebenshaltungskosten erreicht man trotzdem leicht 800-1000 Euro in zwei Wochen. Deshalb ist eine Stipendiumsbewerbung beim DAAD unbedingt zu empfehlen, da man dort einen Zuschuss von 760 Euro erhalten kann. Auch wenn der Aufwand hierfür vergleichsweise hoch ist (Professorengutachten, englisches Sprachzeugnis + übliche Bewerbungsunterlagen und Teilnahme am Abschlussexamen), der Bewerbungsschluss bereits Ende Februar liegt und man sich beim EUI und beim DAAD getrennt bewerben muss (so dass trotz einer Zusage des Einen eine Absage des jeweils Anderen vorliegen könnte), sollte man diese Chance gleichwohl nutzen. Ich selbst bin im Anschluss an den Kurs zusätzlich noch zwei weitere Wochen in Florenz geblieben, um die hervorragenden Ressourcen der Bibliothek für meine Doktorarbeit zu verwenden.

Uneingeschränkte Empfehlung

Dazu hatte ich schon vor Beginn der Sommerakademie mit verschiedenen Doktoranden, bzw. LL.M.-Studenten am EUI Kontakt aufgenommen, um eine Unterkunft für einen Monat zu erhalten. Vor Beginn des Kurses verschickt der Organisationsstab der Akademie eine Liste mit Privatwohnungen und Hotels, die man möglichst schnell kontaktieren sollte, um eine angenehme – und vor allem überhaupt eine – Behausung zu erhalten. Zu empfehlen ist es, sich bei der Wohnungssuche auf Mitwohnangebote zu konzentrieren. Letztlich bleibt es aber jedem Teilnehmer selbst überlassen, ob er lieber in einem Hotel oder in der Wohnung eines gleichaltrigen Studenten/Doktoranden wohnt, über den man schon ein wenig ins universitäre und soziale Leben in Florenz integriert wird.

Insgesamt kann ich jedem Interessierten die Teilnahme nur uneingeschränkt empfehlen. Insbesondere in akademischer Hinsicht habe ich viele neue Impressionen erhalten und vielfältige Kontakte geknüpft. Zudem ist die Lebensqualität in Florenz hoch, das Wetter und die Atmosphäre wunderbar. Wer sich daher im Europarecht spezialisiert hat und eine Auszeit von den deutschen Unis nehmen möchte, sollte mit seiner Bewerbung nicht zögern. (Florian Stork)