Generalist fürs Gemeinwesen

Obwohl Marcel Werners Herz schon früh für Jura schlug, konnten ihn weder das Diplomatenwesen noch eine klassische Kanzleikarriere überzeugen. Sein berufliches Glück fand er stattdessen bei einer der größten Privatstiftungen Deutschlands. Als General Counsel und Compliance Officer der Stiftung Mercator ist er für alle rechtlichen Belange zuständig.

„Ich wollte schon immer Jurist werden.“ Was wie der Paradesatz von vielen Anwälten klingt, kann Marcel Werner sogar beweisen: Eine Zeitkapsel aus Grundschulzeiten, ausgehändigt auf einem Klassentreffen vor einigen Monaten, offenbart, dass der in Essen tätige Werner schon als Grundschüler eine klare berufliche Vision hatte. Es überrascht also nicht, dass aus ihm tatsächlich ein Jurist geworden ist. Dass er allerdings einmal als General Counsel und Compliance Officer bei einer der größten Privatstiftungen Deutschlands Ansprechpartner für rechtliche Fragen aller Art sein würde, war vor rund 25 Jahren noch nicht abzusehen. Bis er dort ankam, und doch nicht Diplomat wurde, hat er allerdings einige Schleifen gedreht.

Zwar stand Werners Berufswahl früh fest, ein ‚typischer Jurist‘ wollte der gebürtige Düsseldorfer trotzdem nicht werden, viel eher Diplomat. Den Praxistest bestand diese Laufbahn allerdings nicht: Vier Monate verbrachte Werner nach seinem Jurastudium an der Goethe-Universität Frankfurt als Rechtsreferendar beim Auswärtigen Amt in Berlin und kehrte mit Ernüchterung im Gepäck zurück nach Frankfurt. „Das Auswärtige Amt ist eben eine Behörde mit allem, was dazu gehört“, so Werner. „Die verknöcherten Strukturen nehmen einem sehr viel Handlungsspielraum. Damit konnte ich mich nicht identifizieren.“ So ganz über­zeugen konnte ihn auch eine Karriere als Anwalt einer internationalen Wirtschaftskanzlei nicht. Und das, ­obwohl er einige Zeit in der Praxis für Bank- und Finanzrecht bei Linklaters verbrachte – erst als Praktikant und später als Referendar. Seine Berufung fand Werner stattdessen im Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht. „Ich wollte einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen, denn gegenüber der Beschäftigung mit nur wirtschaftsrechtlichen Themen empfinde ich das als großes Privileg“, begründet er seinen Seitenwechsel.

Bewusst gegen die Arbeitskultur einer Großkanzlei entschieden

Heute ist Werner nicht nur Teil der Rechtsabteilung einer gemeinnützigen Förderstiftung, er ist die Rechts­abteilung der Essener Stiftung Mercator. Mit einem Förder­volumen von rund 60 Millionen Euro gehört sie – gemessen an der Höhe der Zuwendungen für gemeinnützige Zwecke – zu den größten Privatstiftungen Deutschlands und unterstützt vor allem Projekte, die Chancengleichheit, sozialen Zusammenhalt, Toleranz und Klimaschutz sowie Wissenschaft und Forschung fördern. Als General Counsel und Compliance Officer in Personalunion ist Werner mit allen rechtlichen Fragen befasst, die die Stiftung und ihre Tochtergesellschaften betreffen. Hierzu zählen gesellschafts- und steuerrechtliche Themen.

Dabei kann es vorkommen, dass er sich auch mal mit dem türkischen Recht befassen muss, denn die Stiftung ist sowohl national als auch international tätig und hat Auslandsbüros in Peking und Istanbul. Doch die Ein-Mann-Rechtsabteilung braucht mitunter auch einen Sparringspartner. „Ich kann nicht einfach mal ein Büro weitergehen und mich mit einem Anwaltskollegen austauschen. Das vermisse ich ein wenig“, so Werner. Seit Dezember ist er daher neben seiner Tätigkeit für die Stiftung freiberuflich als Of Counsel für die Kanzlei ‚Deutsche Stiftungsanwälte‘ tätig, die über fünf Büros in Deutschland verfügt.

Zwar rät Werner jungen Juristinnen und Juristen zunächst zum Berufseinstieg in einer Großkanzlei, auf lange Sicht aber müsse man auch mit dem hohen Erwartungsdruck zurechtkommen: „Als Berufsanfänger erhält man in den großen Kanzleien eine sehr gute Ausbildung und bekommt das notwendige Rüstzeug an die Hand. Man muss sich aber klarmachen, dass für 170.000 Euro Jahresgehalt auch der entsprechende Workload und viel Disziplin dazugehören.“ Er selbst habe zuweilen zwar auch Tage mit Großkanzleipensum, doch insgesamt stimme die Work-Life-Balance. Bei seinen Freunden mit Großkanzleialltag sehe das anders aus. Häufig sei eine Verabredung mit ihnen zum Abendessen freitags erst ab 22 Uhr realistisch. „Ich habe mich bewusst gegen diese Arbeitskultur entschieden, denn dafür lebe ich das Leben zu gerne und möchte einen Arbeitgeber haben, dem das auch wichtig ist.“

In diesem Video erzählt Marcel Werner, was ihm an seiner Tätigkeit am besten gefällt.


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