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01.06.2017

Statt Land Fluss: Anwaltskarrieren jenseits der Metropolen

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Dresden hat zurzeit nicht das beste Image, Bad Kreuznach oder Flensburg liegen weitab vom Schuss: Kanzleien fern der klassischen Anwaltsmetropolen haben junge Juristen selten auf dem Radar. Mit dem ganz großen Geld können die Kanzleien nicht locken, wohl aber mit einem reizvollen Gesamtpaket: bessere Partneraussichten, gutes Betriebsklima und Zeit für ein Leben neben der Arbeit.

von Eva Lienemann

Dresden hat zwei Probleme, eines davon sieht man montags auf zentralen Plätzen der Stadt. Dort rufen sie „Merkel muss weg!“ oder halten Plakate hoch: „Islam = Karzinom“. Obwohl die Pegida-Anhänger weniger werden, ihre Kampfsyntax lässt sich seit zwei Jahren nicht ausradieren, sie ist wie ein Krickelkrakel auf den Hochglanzfotos von Semperoper, Zwinger und Frauenkirche. „Der schlechte Ruf der Stadt ist ein echtes Problem“, sagt Dr. Andrea Benkendorff. Sie ist Partnerin der Dresdner Kanzlei Battke Grünberg. Und wenn Bewerber von außerhalb zum Vorstellungsgespräch kommen, fragen sie inzwischen: „Gibt es hier ein Problem für mich?“ Dabei sei Dresden doch ein friedvoller Ort, wie die 48-Jährige betont.

Das zweite Problem Dresdens heißt Leipzig. Kölner und Düsseldorfer kennen das: Wer hier ist, mag nicht dort sein. Auf den ersten Blick kein Thema, mit dem sich speziell Kanzleien befassen müssten. Es sei denn, eine der Universitäten beider Städte bildet keine Juristen mehr aus, und so wird es in Dresden bald kommen. 2004 stellte die TU bereits ihren Jura-Staatsexamensstudiengang ein, nun soll bis 2024 auch der Bachelorstudiengang Law in Context auslaufen und die juristische Ausbildung komplett in Leipzig konzentriert werden. Diese Konsolidierung der Unistandorte wird noch weniger Nachwuchsjuristen in die sächsische Landeshauptstadt locken als bisher.

Referendare im Fokus

Wenn Pegida die auswärtigen Juristen abschreckt und die Dresdner Uni auch keine Absolventen mehr in die Kanzlei befördert, woher soll der Nachwuchs bei Battke Grünberg kommen? Die Kanzlei, die früher vor allem über Lehraufträge an der TU auf potenzielle neue Kollegen stieß, bemüht sich seit einigen Jahren, den Nachwuchs auf anderen Wegen zu sich zu lotsen. „Durch den Wegfall des Jura-Lehrstuhls können wir schon länger nicht mehr so gute studentische Verbindungen aufbauen“, sagt die Arbeitsrechtlerin Benkendorff.

Die Rekrutierung des juristischen Nachwuchses auf diesem Weg habe die Kanzlei zurückgefahren. „Deshalb konzentrieren wir uns auf die Referendarausbildung, die wir für das Arbeitsrecht im Bezirk Dresden gemeinsam mit einer anderen Kanzlei komplett übernommen haben. Der Vorteil dabei ist, dass sich die Referendare dann schon für den Bezirk Dresden entschieden haben.“

Benkendorff_Andrea

Rekrutiert bereits an den Gymnasien: Arbeitsrechtlerin Andrea Benkendorff, Partnerin bei Battke Grünberg in Dresden.

Die andere Strategie der Kanzlei: früh anfangen. „Wir gehen an die Elitegymnasien der Stadt und bieten Schülerpraktika in der neunten Klasse an“, sagt Benkendorff. Wer gut ist und den Kontakt hält, kehrt womöglich zum Referendariat zu Battke Grünberg zurück. Von sechs Referendaren, die die Kanzlei pro Jahr durchschnittlich aufnimmt, bewerben sich wiederum zwei bis drei im Anschluss als Associates. Überhaupt ist die Kanzlei im Wachstumsmodus, hat mittlerweile 6 Partner und 14 Associates. Vor fünf Jahren waren es nur halb so viele. Wenn Bewerber und Kanzlei am Ende doch nicht zusammenfinden, liegt das häufig daran, dass die Jungjuristen in den Staatsdienst gehen oder erst ein paar Jahre Großkanzleierfahrung sammeln wollen.

Individualität statt Spitzengehälter

Nicht nur in Dresden, auch andernorts starten viele Regionalkanzleien mit einem weiteren Nachteil ins Recruiting: Die Einstiegsgehälter haben sich immer weiter nach oben geschraubt und liegen in der Spitze bei über 120.000 Euro. „Solche Gehälter können wir schlicht nicht bieten“, sagt Benkendorff. „Wer zu uns kommt, bekommt ein Gehalt, das sich an dem von Richtern in Sachsen orientiert.“

Fortsetzung

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